Entstehung
Beobachtung
Und immer noch auf der Anreise

Und immer noch auf der Anreise

Unser China Southern Flug CZ6902 hebt dann auch pünktlich um 14:45 Uhr ab. Ich bin ziemlich müde, mache es mir gleich bequem und döse richtig tief weg. Nach eineinhalb Stunden erholsamen Schlaf öffne ich vorsichtig die Augen. Aber mir ist noch nicht so richtig nach ganz wach werden. Deshalb lege ich mir mit meinem iPod wunderschöne sanfte Rock-Musik auf die Ohren, nämlich eines meiner Lieblingsstücke von Pink Floyd

Wish You Were Here .

Und auch Hunger bekomme ich so langsam, jetzt gibt es endlich eine kleine gut bekömmliche Mahlzeit – Hühnchen mit Reis - hier im Flieger. Und danach beobachte ich fasziniert drei Männer im Gang, die in typisch chinesischer Art Fitness-Übungen in aller Öffentlichkeit ausführen. Sie dehnen sich und strecken sich, massieren sich den Nacken und gehen in die Hocke, bücken sich und beugen sich und strecken sich wieder. Für unser europäisches Auge sieht das sehr ungewohnt aus, für die Chinesen ist das eine Selbstverständlichkeit, den Körper zu jeder gegebenen Zeit fit zu halten.

Nach ruhigem Flug landen wir dann gegen 18:40 Uhr in Urumqi, der Hauptstadt der Provinz Xinjiang.

Provinz Xinjiang mit ihrer Hauptstadt Urumqi 



Das Uigurische Autonome Gebiet Xinjiang wurde am 1. Oktober 1955 gegründet. Es befindet sich an der nordwestlichen Grenze Chinas, nimmt mit 1,6 Mill. Quadratkilometern ein Sechstel der Gesamtfläche Chinas ein und ist somit flächenmäßig größer als alle anderen Provinzen oder autonomen Gebiete. Unter den 17,18 Mill. Einwohnern bilden die Uiguren die größte Volksgruppe und die Han die zweitgrößte. Die uigurische Volksgruppe macht die Hälfte der gesamten Bevölkerung in Xinjiang aus. Außerdem leben hier noch Kasachen, Mongolen, Hui, Xibo, Kirgisen, Usbeken, Tadschiken, Russen, Mandschuren, Dahuren und Tataren. Xinjiang grenzt an die Mongolische Republik, Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Afghanistan, Pakistan und Indien.

Xinjiang besteht hauptsächlich aus dem Junggar-Becken und dem Tarim-Becken. Das Junggar-Becken liegt zwischen dem Tianshan- und dem Altay-Gebirge. Mitten im Becken befindet sich die Gurbantünggüt-Sandwüste. Das Tarim-Becken liegt südlich des Tianshan und nimmt mehr als die Hälfte von Xinjiang ein. In der Mitte des Beckens dehnt sich die Sandwüste Taklamakan aus. Sandwüsten bedecken etwa 22 % der Fläche Xinjiangs.

Die Taklamakan-Wüste ist die zweitgrößte Wüste der Welt und die größte Sandwüste der Welt mit wandernden Sanddünen.Sie wird auch als die höchst gefährlichste Wüste der Welt bezeichnet. Das Wort Taklamakan kommt aus dem uigurischen und bedeutet soviel wie „Untergrund-Residenz“. Die allgemein anerkannte Bedeutung „Begib dich hinein, und du kommst nie wieder heraus“ stellt unser Führer Martan als Nonsense dar. Er führt die Bedeutung „Untergrund-Residenz“ auf 36 Königreiche in Xingjiang zurück, die in historischer Zeit existierten. Vor ca. 2.000 Jahren gingen diese Königreiche nieder und deren Residenzen wurden unter dem Wüstensand der Taklamakan begraben. Aus diesem Grunde kamen auch Anfang des 20.Jahrhunderts viele europäische Archäologen nach Xingjiang, um nach diesen alten Königreichen zu forschen.

Hier auch die Ton-Aufnahme von Martans Erklärungen [1.267 KB]

Die drei Gebirge sind das Tianshan, das Altay und das Karakorum. Das Tianshan hat eine Länge von ca. 2.500 km, davon ca. 1.700 km in Xinjiang, und ist im Durchschnitt 3000 - 5000 Meter hoch. Es besteht aus mehreren parallel in westöstlicher Richtung verlaufenden Bergketten und durchzieht den mittleren Teil von Xinjiang. Das Tianshan unterteilt Xinjiang in zwei Gebiete, die von Natur aus geographisch sehr verschieden sind, nämlich in Nord-Xinjiang und Süd-Xinjiang. Im Gebirgsland liegen viele Becken und Täler, die wichtige Agrar- und Viehzuchtgebiete sind. Die Gegend um das Hami- und das Turfan-Becken wird gewöhnlich Ost-Xinjiang genannt. Das Tianshan ist vor allem wegen seiner Wildtiere und wilden Pflanzen bekannt. Zu den bekanntesten Wildtieren gehört der Schnee-Leopard. In China leben heute 2.500 Schneeleoparden, davon 700 im Tianshan. Zu den wilden Pflanzen ist besonders der Schnee-Lotos zu zählen, der in großen Höhen wächst.

Das Altay-Gebirge liegt im Nord- und Nordostteil von Xinjiang und bildet die Grenze zwischen China, Russland und der Mongolischen Republik. Altay heißt in uigurisch, ungarisch und türkisch „Gold“ und beschreibt damit dieses Gebirge als ein Gold- und Platin-reiches Gebirge, teilweise auch mit Diamanten. Es erstreckt sich über 400 km von Nordosten nach Südwesten. Im Süden von Xinjiang liegen die Gebirge Karakorum, Kunlun und Altun sowie das Pamir-Plateau. Das Kunlun ist vulkanisch aktiv, so dass es hier zahlreiche Heißwasserquellen gibt.

Der höchste Gipfel in Xinjiang ist mit 8.611 Metern der Qogir an der Grenze zwischen China und Pakistan. Damit ist er der zweithöchste Berg der Welt. Der tiefste Punkt ist der See Aydingkohl im Turfan-Becken, dessen Wasserspiegel 154,43 Meter unter dem Meeresspiegel liegt.

Xinjiang ist zum größten Teil ein abflussloses Gebiet. Die Flüsse, gespeist vom Schmelzwasser schneebedeckter Berge und von Gletschern, verschwinden entweder tief in den Wüsten oder münden in Salzseen. Nur der Ertix fließt in den Oz Zajsan und bildet den Oberlauf des Ob, der ins Nordpolarmeer mündet. Die Seen sind meistens salzig. Der bekannteste See ist der Lop Nur. Seine Größe ändert sich oft gewaltig.

Da sich Xinjiang in Zentralasien befindet, herrscht hier ein deutliches kontinentales Klima: die Temperaturen wechseln stark und die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind groß. Die Sonnenscheindauer ist sehr lang, die Niederschläge sind gering und die Verdunstung ist erheblich. Die durchschnittliche Jahrestemperatur beläuft sich auf -4 °C - 8 °C in Nord-Xinjiang und in Süd-Xinjiang auf 7 °C - 14 °C. Die frostfreie Periode beträgt in Nord-Xinjiang 120 - 180 Tage und in Süd-Xinjiang 180 - 240 Tage. Das Tianshan stellt die klimatische Grenze dar: nördlich davon herrscht das gemäßigte kontinentale Trocken- und Halbtrockenklima und südlich davon das warmgemäßigte kontinentale Trockenklima. In weiten Gebieten Nord-Xinjiangs beträgt der durchschnittliche Jahresniederschlag 100 - 600 Millimeter, in Süd-Xinjiang jedoch ist es bei einem durchschnittlichen Niederschlag von nur 25 - 100 Millimetern sehr trocken.

Die Oasen-Landwirtschaft lebt vom "Kann´er Jing", einem Kanalsystem, das unterirdisch angelegt ist, um die Verdunstung möglichst gering zu halten. Xinjiang verfügt über 3,128 Millionen Hektar Ackerland, auf dem vor allem Weizen, Mais, Reis und Sorghum (eine Hirsenart) angebaut werden. Neben dem Getreideanbau werden Baumwolle, Raps, Sesam und Zuckerrüben geerntet. Die Baumwollfelder finden sich vorwiegend in Süd-Xinjiang, Turfan und im Einzugsgebiet des Manas. Die langfaserige Baumwolle aus Xinjiang ist sehr begehrt. Auch die Produktion von Seidenkokons in Hotan und Shache ist von wirtschaftlicher Bedeutung. Das Klima begünstigt besonders das Wachstum von Früchten und Melonen. Trauben aus Turfan und Hami-Melonen aus Shanshan sind geschätzte Spezialitäten. Xinjiang ist ferner eines der wichtigsten Viehzuchtgebiete Chinas, denn es verfügt über große Flächen von Weideland. Die Feinwoll-Schafe aus Xinjiang und seine Ili-Pferde sind im ganzen Land bekannt. Die Gebirge Tianshan und Altay sind reich an Wäldern.

Xinjiang hat auch reiche Bodenschätze, darunter Kohle, Erdöl, Eisen und Salz. Im Altay werden Gold und andere Buntmetalle gefördert, und die Jade aus dem Kunlun-Gebirge ist seit alters her bekannt. Wichtige Industriezweige in Xinjiang sind der Kohlenbergbau, die Petrochemie, die Energiewirtschaft, die Hütten- und Chemieindustrie, die Lederverarbeitung, die Textilindustrie und die Zuckerproduktion. Und in der Wüste Taklamakan wird zunehmend Öl gefördert. Auch der Außenhandel hat sich entwickelt, insbesondere der mit Pakistan: 1982 wurden das ganze Jahr über beim Grenzübergang Kunjirap zu Pakistan nur 300 Personen registriert, nun liegt diese Zahl bei über 10.000, und entsprechend angewachsen ist die Menge der im Grenzhandel mit Pakistan umgesetzten Waren.

Durch Xinjiang führen die Eisenbahnlinien Lanzhou - Xinjiang, Xinjiang - Kasachstan und Urumqi - Kashi, die das ganze autonome Gebiet von Ost nach West durchziehen. Mit der Eisenbahn kann man nicht nur viele Städte innerhalb des Gebiets erreichen, sondern auch andere Landesteile, und über Kasachstan Europa. Das Straßennetz ist jetzt etwa 30.000 Kilometer lang. Ende 2000 wurde die Autobahn Urumqi - Kuytun fertiggestellt. Auf dem Luftweg erreicht man von Urumqi aus die Städte Lanzhou, Xi´an, Beijing und Shanghai sowie innerhalb Xinjiangs die Städte Hami, Korla, Kuqa, Hotan, Kashi, Aksu, ining, Karamay, Fuyun und Altay. In Bezug auf Flugnetzdichte und Anzahl der Flüge steht Xinjiang in China an der Spitze. Die Schifffahrt ist in Xinjiang praktisch bedeutungslos, sie beschränkt sich saisonweise auf die Flüsse Ili und Artix.

Und hier bin ich nun, in Urumqi, der Provinzhauptstadt von Xinjiang. Der Himmel ist grau verhangen, es regnet leicht bei angenehmen Temperaturen. Und außer, dass Urumqi mit über 2.000 km die am weitesten vom Meer entfernte Großstadt der Welt ist und nur knapp 300 km vom eurasischen Unzugänglichkeitspol entfernt liegt, hat sie ansonsten nicht viel zu bieten. Wir bleiben nur eine Nacht in dieser 2,8 Mill. Einwohner Metropole und wollen am nächsten Tag gleich weiter nach Turfan.

Urumqi 



Urumqi ist eine typische chinesische Boomstadt. 2/3 der Einwohner sind Han Chinesen und Uiguren, daneben finden sich noch Hui, Xibe, Kasachen, Mandschuren, Mongolen und Russen. Die Stadt liegt auf 900 m über NN. Zwar existierte bereits im 1. Jh. v. Chr. ein chinesischer Militärposten, im Seidenstraßenhandel spielte Urumqi aber nie eine Rolle. Als im 18. Jahrhundert die Chinesen die Kontrolle wieder über die Region ergriffen, gründeten sie 1762 die Stadt Dihua (= Gefügigmachung) und begannen mit der Eroberung der Dsungarei und der Ausbeutung der Silber- und Bleivorkommen. 1864 rebellierten die einheimischen Muslime unter Tuoming. 1884 wurde Dihua zur Hauptstadt der neu gegründeten chinesischen Provinz Xinjiang. Nach der Ausrufung der Republik China kontrollierte nacheinander eine Reihe von Warlords die Stadt. Lange Zeit galt Urumqi als Ganovennest und niemand wollte die Stadt besuchen.

Für uns geht es zuerst einmal vom Flughafen zum Ramada-Hotel. Wir werden freundlich von einem chinesischen Guide in Empfang genommen, einer jungen Dame, die uns auch den Abend begleiten wird. Ein chinesischer Guide? Wir haben doch einen deutschen Reiseleiter, wozu benötigen wir einen chinesischen Guide? Und so klärt uns dann unser Herr Sechs auf, dass wir während der gesamten Reise von chinesischen Guides begleitet werden; sie seien unsere eigentlichen Reiseleiter. „Und?“ fragen die Ersten „sprechen die auch deutsch, so wie es in unserer Reisebeschreibung steht?“ – „Nein“ meint Herr Sechs „das können wir hier in China nicht erwarten“ – „Aber wir haben einen deutschsprachigen Reiseleiter gebucht“ – „Den bekommen wir hier aber nicht. Damit müsst ihr euch abfinden“. Gesagt, getan, hat Herr Sechs uns abgebügelt.

Aber nun geht es zum Hotel, das ist uns erst einmal das Wichtigste. Nach unserer langen Anreise freuen wir uns alle auf die Dusche und auf ein Abendessen. Sage ich Abendessen? Das sieht unser Reiseleiter Herr Sechs auch leicht anders. Während der Fahrt ins Hotel eröffnet er uns, dass ein Abendessen für uns nicht vorgesehen ist. Einsprüche, einige seien ja nunmehr 30 Stunden unterwegs (wie ich auch) und hätten mit der Reiseanmeldung für heute Abend ein Abendessen gebucht, ließ er nicht gelten. Der chinesische Partner für unsere Reise sehe kein Abendessen vor, egal was wir gebucht haben. Ich bin nunmehr 30 Stunden auf den Beinen und mich berührt das irgendwie alles nicht. Doch einige Mitreisende setzen sich vehement zur Wehr. Das hat Herr Sechs nicht erwartet. Nach dem Einchecken im Ramada-Hotel knickt er dann schließlich doch ein und organisiert uns ein Abendessen.

Um 21:00 Uhr treffen wir uns zu einem leckeren Abendessen und um 22:45 Uhr befinde ich mich dann endlich auf meinem Zimmer. Mein erster Eindruck von meinem ersten chinesischen Tag ist, dass die Chinesen ein unheimlich freundliches Volk sind, immer ein Lächeln, immer hilfsbereit.

Und mein zweiter Eindruck ist, dass die Chinesen es wohl nicht lange in Aufzügen aushalten. In dem Moment, wo der Aufzug gefüllt ist, drückt auch sofort jemand auf den Knopf, dass die Aufzugtür sofort schließen soll. Wir Deutschen sind zwar ein ungeduldiges Volk. Aber das habe ich bei uns noch nie beobachtet, dass immer hastig sofort die Aufzugtür geschlossen wird. Die Chinesen dagegen machen überhaupt keinen hektischen Eindruck, aber sie schließen sofort die Aufzugtür, können die 2 Sekunden Sicherheitsverzögerung nicht abwarten. Dies ist mir so deutlich aufgefallen, dass es mir sogar eine Bemerkung in meinem akustischen Protokoll wert ist.

Im chinesischen Aufzug [372 KB]

Diese Nacht schlafe ich gut, war ja auch lange genug auf den Beinen. Und am nächsten Morgen beim Frühstück zeigt sich gleich, dass wir eine recht lustige Reisegruppe sind. Herzhaft lachen wir über die Musik, die den Frühstücksraum beschallt und so gar nicht zu dieser Region Chinas passt. Aber ich denke, nur die Mitreisenden werden verstehen, was ich hier meine. Und zur Unterstützung dieser Geschichte stelle ich hier auch das entsprechende Tondokument vom Frühstück zur Verfügung.

Am Frühstückstisch.mp3 [288 KB]

Aller Anfang ist schwer
Unsere Reise entlang der Seidenstraße beginnt