Entstehung
Beobachtung
Turfan - Karez Bewässerungssystem

Das Karez Bewässerungssystem

Nachdem wir über eine Stunde über den uigurischen Markt geschlendert sind, fahren wir von hier gleich weiter zu unserem nächsten Besichtigungsort, dem Karez-Bewässerungssystem.

In Zentralasien bezeichnet Karez ein Bewässerungssystem. Im iranischen steht hierfür der Begriff Qanat.

Die Karez Wasserkanäle von Turfan sind ein Beleg für den Fleiß und die Intelligenz der im Altertum lebenden Völker. Zum Höhepunkt der Nutzung dieses Bewässerungssystem waren die Karez-Wasserkanäle mehr als 6.000 km lang. Man bezeichnet sie deshalb auch als die "Große Mauer des Untergrundes". Gemeinsam mit dem Ling Kanal und dem Dujiangyuan Bewässerungsprojekt gehören sie zu den drei bedeutenden historischen Bewässerungssystemen.

Die Karez Systeme sind die Lebensquelle von Turfan. Oder anders herum, ohne Karez würde es keine Turfan-Kultur geben. Die Geschichte von Karez geht zurück auf das Jahr 103 v. Chr.. Karez Systeme wurden auch im Iran und in der Sahara gefunden, aber diejenigen von Turfan sind die best erhaltensten. Sie bestehen immer noch aus über 400 Einzelsystemen.



Die Karez-Systeme sind ein sehr fein zergliedertes Bewässerungssystem mit vertikalen Schächten, Untergrund-Kanälen, oberirdischen Kanälen und kleinen Reservoirs. Allgemein ist ein Karez etwa 3 km lang, die längsten können allerdings 20 – 30 km lang sein und haben mehrere Dutzend vertikale Schächte. Die Zahl der Schächte je Karez kann sogar bis zu 300 betragen. Der bisher kürzeste gefundene Karez ist nur 30 m lang. Die vertikalen Schächte dienen der Belüftung, der Ausbaggerung und der Instandhaltung der Karez. Die Böden der vertikalen Schächte sind miteinander verbunden, so dass das Wasser durchfließen kann. Ein Untergrundkanal ist über 2 m hoch und mit Erde bedeckt, um das Wasser vor Hitze zu schützen. Die oberirdischen Kanäle, die an die Untergrund-Kanäle angebunden sind, sind nicht mehr als 1 m breit. An beiden Seiten sind Bäume als Schutz gegen Verdunstung gepflanzt.

Die Wasserquelle des Karez sind die Schmelzwässer des Tianshan-Gebirges. In den vertikalen Schächten wird das Wasser gesammelt, das dann über die Untergrund-Kanäle zur Oase geleitet wird. Hier wird das Wasser in den Boden-Kanälen zur Bewässerung gehalten. Die vertikalen Schächte nahe der Wasserquelle können 100 m tief sein, während sie weiter abwärts weniger als 10 m tief sind.



Mit einfachen geschmiedeten Hacken, wie man sie teilweise noch heute auf den Märkten der Gegend erstehen kann, wurden unter unglaublichen Anstrengungen bis zu 100 m tiefe unterirdische Stollen durch die flammenden Berge getrieben. Zusammen mit Tausenden von Brunnen und Wasserlöchern ist dies eine Leistung, die manche Historiker auf eine Stufe stellen mit dem Bau der Chinesischen Mauer, auch weil der Bau der Karez viel riskanter war. Die ersten Bauherren zahlten viel Lehrgeld: Stollen stürzten ein, wurden überflutet. Doch schlimmer noch; als das erste direkt aus den Bergen heran strömende Wasser die Felder erreichte, war es zu kalt und zu klar. Selbst in den heißesten Monaten Juli und August ist es nur 0 °C warm. Es zehrte den Boden aus, die Pflanzen starben statt aufzublühen. Man musste also das Wasser erst lüften und in Sammelbecken ruhen lassen. Für Reparaturen brauchte man in diesen Zeitaltern, lange vor ferngelenkten Bohrköpfen, befestigte Licht- und Wartungsschächte in dichter Folge, die man im Winter wiederum abdecken musste, um bei den dann herrschenden –15 °C verheerende Frostschäden zu vermeiden.

Ein Karez reduziert die Verdampfung, vermeidet die Verunreinigung und benötigt keine weiteren Energie-Ausrüstungen. Es verläuft von hoher zu niedriger Oberfläche einzig über die Gravitationskraft. Turfan ist der heißeste Ort Chinas und das aride Klima macht Wasser sehr wertvoll. Ein Karez System hilft ideal, all diese Probleme zu lösen.

Jeder Karez hat einen Eigentümer und nach ihm ist der Karez benannt. Der Reichtum der Menschen in dieser Region wird gemessen an der Zahl der Karez, die man besitzt. 1956 gab es hier 1.217 Karez mit einer Gesamtlänge von mehr als 6.000 km. 1980 waren 40 % der Karez ausgetrocknet, weil in den 80er Jahren angesiedelte Industrien das Wasser abpumpten.

Karez Systeme fungieren auch als natürliche "Klima-Anlage", weil die Einheimischen in ihnen sitzen können und dabei plaudern und einige Hausarbeiten erledigen können. Wenn man während des heißen Wetters mit der sengenden Sonne erschöpft ist, kann man sich in einen Karez setzen, einige Weinbeeren pflücken, die über den vertikalen Schächten hängen, ihren Geschmack genießen, und schon fühlt man sich erfrischt.

Turfan - Uigurischer Markt
Erster Abend in Turfan