Entstehung
Beobachtung
Reise Dunhuang - Peking

Um 9:25 Uhr treffen Otto und ich uns vor dem Hoteleingang und warten auf ein Taxi … und warten … und warten … Und dann werden mir von einer netten Chinesin auch meine Schuhe hinterher gebracht. Schwer ist es für diese Chinesin nun zu glauben, dass ich diese Schuhe nicht mitnehmen möchte. Mit Kopfschütteln und meinen Schuhen geht sie ins Hotel zurück.

Und wir warten immer noch auf unser Taxi. Otto will schon zurück zur Rezeption und fragen, ob denn auch tatsächlich ein Taxi bestellt worden ist. Ich halte ihn zurück und mache ihm klar, dass die Chinesen in diesem Teil ihres Landes des Englischen nicht besonders mächtig sind. Ihre Kenntnisse beschränken sich fast ausschließlich auf „okay, okay, okay …“ Das bitte, mögen mir meine chinesischen Freunde nicht als Vorwurf nehmen J die Chinesen sind ein unheimlich offenes und freundliches Volk. Ich meine das eher so, dass wir Europäer einfach zu hohe Erwartungen haben, wenn wir uns in den ursprünglichsten Teilen eines Landes bewegen.

Otto und ich bewegen uns also auf die Straße zu und bald fährt auch ein Taxi vorbei, das wir per Handzeichen anhalten können. Otto versucht es auf englisch „Airport“ - Achselzucken des Taxifahrers. Dann auf deutsch „Flughafen“ – freundliches Lächeln des Taxifahrers, aber ebenfalls keine Reaktion. Ich beuge meinen Oberkörper nach vorne, breite meine Arme zu Flügeln aus und laufe mit lautem „geeeeeeeeüüüüüüüühhhhhh“ über den Bürgersteig. Der Taxifahrer lacht, sagt irgendetwas auf chinesisch, was wahrscheinlich Flughafen heißt, und gibt uns zu verstehen, er habe uns verstanden. Otto schmunzelt und meint „Du bist ganz schön verrückt, Andreas, das hätte ich mich nicht getraut, schon gar nicht in aller Öffentlichkeit.“

Aber es hilft. Sicher bringt uns der Taxifahrer zum Flughafen. Otto und ich stellen uns am Schalter an, legen unsere Buchungsbestätigung und Pässe vor und werden auch eingecheckt, erhalten also ein Ticket und eine Boarding-Karte auf Basis unserer Reservierung. Misstrauisch werde ich hier noch nicht, als die Dame mit meiner Reservierung nicht klar kommt. Aber sie findet mich über meinen Reisepass in ihren Computer und stellt auch mir schließlich Ticket und Boarding-Karte aus. Nun haben wir noch ein wenig Zeit und trinken noch einen Kaffee in einem Flughafenrestaurant.

Es ist noch gut Zeit, aber die Halle wird so langsam leer. So machen auch wir uns auf den Weg zur Kontrolle, um zum Gate zu gelangen. Otto passiert als erster die Kontrolle und geht auch schon langsam weiter. Dann bin ich dran. Und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Die Kontrolleurin nimmt mein Ticket in die Hand und fragt irgendetwas, was ich nicht verstehe. Ich zucke mit den Schultern. Sie zeigt auf die Boarding-Karte und das Ticket und sagt im gebrochenen Englisch „Not ETIX. Need Paper“. ‚Wie‘ denke ich ‚kein ETIX-Ticket?“ Ich schaue mir die Boarding-Karte und das Ticket an. Und tatsächlich, nirgendwo steht ETIX drauf. Ich zeige der Kontrolleurin meine Buchungsreservierung. Aber dafür interessiert sie sich nicht. „No ETIX“ höre ich wieder.

So langsam bekomme ich doch das Gefühl, hier ist ein größeres Problem. Otto wartet noch hinter der Kontrolle auf mich. Ich gebe ihm ein Zeichen, er möge schon einmal weiter gehen. Denn unsere Maschine ist mittlerweile zum Boarding aufgerufen worden. Und ich stehe hier immer noch an der ersten Kontrolle.

Die Kontrolleurin ruft jetzt jemanden aus der Flughafenorganisation dazu und spricht mit ihm. Ich verstehe natürlich nichts, habe weder Reisepass noch Ticket in der Hand. Das macht mich unruhig. Meine Dokumente werden hin und her gereicht und intensiv besprochen. Die beiden Chinesen bleiben dabei aber ausgesprochen freundlich. Und das lässt mich ruhig bleiben.

Die Zeit läuft davon. Mein Flugzeug ist wahrscheinlich schon abgefertigt. Ich stehe hier immer noch an der ersten Kontrolle. Freundlich und zielstrebig bitten mich die beiden, schnell mit ihnen zu dem Schalter zu gehen, an dem ich mein Ticket erhalten habe. Wir hasten zu dritt durch die Halle zum Abfertigungsschalter, wo auch noch die junge Chinesin sitzt, die mir die Dokumente ausgestellt hat. Auch hier wird wieder im freundlichen chinesisch, aber sehr schnell mein Problem erörtert, ein Problem, dass ich noch immer nicht so richtig verstanden habe. Und unsere Gruppe wird größer. Sieben, acht Chinesen stehen schließlich um mich herum, reden durcheinander, schnell, aber freundlich im Ton. Mit wachem Blick versuche ich zu verfolgen, in welche Hände denn nun mein Reisepass gerät. Ich darf alles verlieren, aber nicht den Pass, das ist mir klar.

Die Zeit rinnt davon, meine Maschine ist schon längst abgefertigt. Schließlich wird ein höher gestellter Mitarbeiter aus der Flughafenorganisation dazu gerufen. Die Chinesen geben ihm meine Dokumente und erklären ihm die Sachlage. Im recht passablen englisch erklärt er mir dann, dass meine Unterlagen nicht korrekt sind. Ich hätte kein ETIX-Ticket, sondern ein normales Ticket. Und zu einem normalen Ticket gehört auch eine normale Ticketbuchung in Papierform. Ich mache ihm klar, dass ich aber nur eine Reservierung vorweisen könne für ein ETIX und kein gebuchtes Ticket. Und außerdem, was macht denn das Flugzeug? Ich muss doch zur Maschine. Ist das Gate denn noch offen? Und kann man mich nicht ganz unbürokratisch mit dem Ticket durchlassen?

Darauf meint er, um das Flugzeug müsse ich mir keine Sorgen machen, das Gate bleibt für mich offen, die Maschine wird nicht ohne mich fliegen. Allerdings müsse ich ein neues Ticket kaufen. Klar, meine ich kein Problem, das soll ja nicht alle Welt kosten. Aber geht das denn jetzt noch? Kein Problem, bekomme ich als Antwort.

Während des Gespräches wandern mein Pass und mein Ticket durch alle chinesischen Hände. Der Pass wird durchgeblättert, betrachtet, und es wird viel diskutiert. Sehr aufmerksam verfolge ich den Weg des Passes. Die Stimmung ist ausgesprochen freundlich, so bleibe auch ich freundlich und ruhig.

Vom Abfertigungsschalter machen wir uns laufend auf den Weg zum Schalter von China Air. Dort soll ich ein neues Ticket kaufen. Der Schalter ist zwar unbesetzt, aber schnell kommt auch eine Mitarbeiterin von China Air. Und die ganze Gruppe von Chinesen immer um mich herum. Der Mitarbeiterin von China Air wird klar gemacht, dass ich ein neues Ticket benötige. Sie quält ihren Computer, druckt die Dokumente aus, gibt sie meinem Hauptgesprächspartner und wartet.

Nun kommt das nächste Drama. Natürlich muss ich das Ticket bezahlen, was ich ja auch will. 2.080 Yuan, umgerechnet etwa 200 € soll es kosten. Ich öffne mein Portmonee und finde nur noch 1.400 Yuan vor. Also zücke ich meine VISA-Card und denke, damit das Problem lösen zu können.

Aber dem ist nicht so. Man macht mir klar, dass die Maschine zum Durchziehen der Karte nicht da ist und sie deshalb eine Kreditkarte nicht akzeptieren können. Ob ich Dollars hätte. Nein, sage ich, aber ich habe Euro, und lege vier 50 € Scheine auf den Schalter. Nun passiert das Unglaubliche. Ich dachte bisher, wir Europäer sind mit unserem Euro weltweit in absoluter Konkurrenz zum Dollar. Aber nicht hier im tiefsten China. Mein neuer chinesischer Freund nimmt einen 50-Euro-Schein in die Hand, hält ihn hoch gegen das Licht und betrachtet ihn misstrauisch mit einem Blick, der sagt „was ist das denn?“. Auch aus den Blicken der anderen Chinesen entnehme ich, dass man hier wohl noch nie etwas vom Euro gehört hat. Nun wird mein Gesicht doch wohl so langsam länger und ich freunde mich mit dem Gedanken an, dass mein Gepäck zwar auf dem Weg nach Peking ist, ich aber zurück zum Hotel muss und erst einen Tag später fliegen kann, nachdem ich alle Formalitäten einschließlich Geldwechsel geklärt habe.

Mein Gesprächspartner lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen und fragt mich, ob denn ein Bekannter in der Maschine sei, der mir mit Geld aushelfen könne. Klar, sage ich wieder zuversichtlich, Otto ist in der Maschine. Aber den können wir doch jetzt nicht zurückholen. Kein Problem, meint nun wieder mein chinesischer Freund, und bittet mich, ihm schnell zu folgen.

Nicht nur ich folge ihm, die ganze Gruppe von Chinesen läuft mit. Wir laufen quer durch die Halle. An der Kontrolle erklärt mein Gesprächspartner kurz die Situation, man winkt uns alle durch. Unsere gesamte Gruppe rennt zum Gate, Pass und Ticket immer noch in den Händen dieses freundlichen Chinesen. Am Gate wartet man bereits auf uns. Auch hier passiert die gesamte Gruppe das Gate. Wir laufen aus der Halle raus auf das Rollfeld, die Maschine steht ca. 100 m neben der Halle. Freudig stelle ich fest, dass die Gangway noch an die Maschine herangefahren ist und die Türen offen gehalten werden.

Wir laufen mit der gesamten Gruppe die Gangway hoch; vorne im Flugzeug erklärt mein neuer Freund der Stewardess die Situation. Die Gruppe bleibt hier zurück und ich suche Otto in der Maschine. Mein neuer Freund und die Stewardess laufen mir durch die Maschine hinterher, alle Fluggäste beobachten uns neugierig erstaunt, was denn hier los ist. Denn sie warten ja auch schon alle lange auf den Abflug, sitzen schon lange hier im Flieger.

In den hinteren Sitzreihen entdecke ich endlich Otto, erkläre ihm schnell die Situation. Wir schmeißen unsere Portmonees zusammen und kommen gerade eben auf 2.130 Yuan. Puh, ich kann das Ticket endlich bezahlen, gebe dem freundlichen Chinesen 2.080 Yuan. Der gibt mir freundlich lächelnd das Ticket und meinen Pass. Ich bedanke mich herzlich und er verabschiedet sich freundlich. Die Stewardess lächelt mich an und bittet mich freundlich, Platz zu nehmen, damit die Maschine endlich starten kann. Natürlich habe ich auch meinen vorher reservierten Platz neben Otto. Die Gruppe an Chinesen verlässt schließlich die Maschine und mit einiger Verspätung kann der Flug CA1288 endlich starten. Die Flugzeit Dunhuang – Peking beträgt 3 Stunden-

Natürlich schauen mich alle in der Maschine neugierig an, was denn da passiert sei. Die Maschine ist auch international besetzt. Chinesen, Europäer, Amerikaner und Asiaten sitzen kunterbunt durcheinander. Ich muss ununterbrochen lachen bei dem, was mir gerade passiert ist. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass mal im tiefsten ursprünglichsten China ein Flugzeug für mich gestoppt wird, in der Abfertigungshalle sich alles für mich in Bewegung setzt, damit ich glücklich und zufrieden meine Reise antreten kann.

Man stelle sich das mal in Deutschland vor, nur der theoretische Fall, Sonnenfinsternis 1999. Ein Chinese ist eigens für dieses Ereignis nach Stuttgart angereist. Am Tage nach der SoFi hat er einen innerdeutschen Flug mit der Lufthansa oder mit Air Berlin. Irgendetwas stimmt mit seinem Ticket nicht, wofür er nichts kann. Er versteht die deutsche Sprache nicht und hat auch nicht ausreichende finanzielle Mittel dabei. Würde sich in der Abfertigungshalle eine Gruppe von Deutschen so freundlich und intensiv um diesen Chinesen kümmern, dass er wohlbehalten seine Reise weiter antreten kann? Würde die Flughafenorganisation nur für diesen einen Chinesen die Maschine zurückhalten? Würde die Sicherheitsorganisation diesen Chinesen mit einem noch nicht gültigen Ticket, weil noch nicht bezahlt, durch alle Kontrollen durchlassen und ihn zum Flieger begleiten? Würde die Flugzeugbesatzung diesen Chinesen in die Maschine lassen?

Ich beantworte mal alle Fragen mit Nein und möchte das nur soweit kommentieren: was können wir noch viel von anderen Menschen, Völkern, Kulturen lernen.

Nun aber wieder zurück zur Geschichte. Schmunzelnd erzähle ich Otto alle Einzelheiten. Der staunt natürlich auch ungläubig, was in diesem Land möglich ist. Schließlich fragt er: „Andreas, was hättest du denn gemacht, wenn ich auch nicht genügend Yuan gehabt hätte. Dollars habe ich nämlich auch nicht ausreichend mit.“ Lächelnd erkläre ich ihm „Du, Otto, dann hätte ich mir von der Stewardess das Bordmikrofon geben lassen und auf englisch den Passagieren erklärt, dass diese Maschine nur abhebt, wenn mir irgendjemand 200 € in Yuan wechselt. Und ich wette mit dir, ich hätte die Yuan bekommen.“ – „Ja“ meint Otto lachend „das hätte ich dir zugetraut, so wie ich dich in diesen Tagen bisher kennengelernt habe.

Im Gang neben uns sitzt ein brasilianisches Ehepaar, das in London lebt und arbeitet und auch wegen der SoFi jetzt hier in China gewesen ist. Die beiden waren natürlich auch sehr neugierig. Schnell kommen wir ins Gespräch, ich erzähle wieder lebhaft und begeistert diese Geschichte. Da dreht sich plötzlich drei Reihen vor uns eine Frau um und ruft missmutig gelaunt mit quakender Stimme in deutsch rüber „Können Sie dahinten endlich mal ruhig sein!“ Otto und ich schauen uns an, lachen und sagen uns „Herzlich willkommen in unserem deutschen Kulturkreis, wir sprühen wieder vor Freundlichkeit“

Dunhuang
Peking