Entstehung
Beobachtung
Erster Abend in Turfan

Erster Abend in Turfan

Nach der Besichtigung der Karez Systeme geht es zurück ins Hotel zum Frischmachen und zum gemeinsamen Abendessen. Danach machen Otto und ich uns auf dem Weg, das abendliche Turfan zu erkunden. Unser Ziel ist ein breiter, 2 km langer Laubengang, der absolut geradlinig durch das Zentrum von Turfan verläuft. Wände und Dach dieses Laubenganges bilden die Weinstöcke mit ihren Reben. Auf dem glatten Marmorboden laufen die Kinder hier auf einer Art Inline-Skates. Und natürlich fahren sie um uns herum, neugierig, wieso sich hier Europäer in Turfan tummeln.

Es ist mittlerweile dunkel, kurz vor 22:00 Uhr. Neben dem Laubengang nehmen wir helle farbige Lichter wahr und hören leise leichte Musik. Wir verlassen den Gang und folgen den optischen und akustischen Eindrücken. Es handelt sich um eine Straße, die auf einen zentralen See in Turfan zuführt. Auf der Straße bewegen sich nur Fußgänger. Das farbige Licht rührt von farbigen Straßenlampen her, die unmerklich ihre Farben wechseln. Und entlang der Straße sind Lautsprecher fest installiert, aus denen leise sanfte Musik strömt. Es ist eine wunderschöne romantische Atmosphäre. Im See sind Wasserspiele installiert, die auch wiederum von farblich wechselndem Licht angestrahlt werden. Es ist eine ruhige entspannende Atmosphäre und überall gehen gemütlich Pärchen Arm in Arm, tuscheln und lachen leise.



Wir gehen am See entlang und hören im Takt kräftigere Musik, die auch lauter wird, je weiter wir wandern. Schließlich entdecken wir eine große Menschenansammlung, sehen aber noch nicht, was hier los ist. Erst als wir nah dran sind, stellen wir fest, dass hunderte von Zuschauern einen großen Platz umgeben, auf dem in zwei Gruppen die Menschen in aller Öffentlichkeit in absolut geordneten Strukturen sich nach der Musik körperlich bewegen, man kann sagen, sie tanzen, auch wenn es kein Tanz von Pärchen ist. Sie stehen in langen Reihen in geordneten Abständen.

Die eine Gruppe besteht mehr aus älteren Menschen, vorwiegend Frauen, zwanzig - dreißig in einer Reihe, zehn bis fünfzehn Reihen insgesamt. Sie bewegen sich absolut gleichförmig im Takt in einstudierten Bewegungen und Schritten. Und ihre Ausstrahlung ist sehr freundlich, immer ein leichtes Lächeln um die Lippen. Ein ähnliches Bild auch in der zweiten Gruppe, jedoch mit deutlich weniger „Tänzern“, dafür aber auch deutlich jünger mit schnelleren Rhythmen.

Zuschauer gehören natürlich auch dazu, sie sind sehr freundlich, lachen uns an und deuten uns auch an, wir mögen doch mitmachen, als sie merken, dass ich als Zuschauer auch im Takt leicht mit wippe. Doch wir Europäer tun uns schwer, uns so frei in aller Öffentlichkeit zu bewegen. Aber die Atmosphäre ist toll und Otto und ich haben hier richtig Spaß. Bilder habe ich von diesem Ereignis leider nicht, dafür aber natürlich mal wieder eine akustische Aufzeichnung:

Turfan - öffentliche Köerperertüchtigung.mp3 [1.073 KB]

Stark beeindruckt wandern Otto und ich zum Hotel zurück. Ich setze mich noch draußen zu Herrn Sechs mit seiner Partnerin, Margret und Otto sowie Gaby. Ich habe Durst und möchte noch ein Bier trinken. Die anderen dagegen haben schon heftig den Wein aus Turfan genossen. Herr Sechs schenkt allen reichlich Wein ein, was mich wundert. Denn als Reiseleiter sollte ihm ja eigentlich klar sein, dass wir am nächsten Tag halbwegs fit sein müssen. Das Reiseprogramm und das Klima sind ganz schön anstrengend. Ich bleibe zum Glück bei meinem einen Bier. Aber Tony und Margret gucken doch sehr tief ins Glas.

Gegen 0:00 Uhr liege ich dann im Bett und schlafe diese Nacht extrem schlecht, vielleicht kommen zwei oder drei Stunden zusammen. Es ist sehr warm, drückend schwül und die laute Klimaanlage kommt da auch nicht so richtig gegen an. Am nächsten Morgen hängt mein Kreislauf fürchterlich im Keller und nur mit Müh und Not schleppe ich mich zum Frühstück. Es bedarf großer innerer Überredungs- und Motivationskunst, dass ich am Besichtigungsprogramm teilnehme. Und im Nachgang bin ich sehr froh, dass ich mich noch soweit motivieren konnte. Denn es wird ein überaus interessanter Tag.

Zuerst einmal richte ich mich an Tony und Margret auf, die nach dem gestrigen Abend sehr blass und auch ein wenig gezeichnet aussehen. Aber sie nehmen alle Kraft zusammen, den Tag durchzustehen. Tony kommt auf mich zu und fragt mich leise „Sag mal, Andreas, weißt du noch, wie ich ins Bett gekommen bin?“ Ich antworte „Du bist doch mit Margret los und ein Kellner hat dich doch auch noch gestützt. Frag Margret doch mal.“ Darauf antwortet er mit einem leichten Lächeln „Die weiß es auch nicht mehr …“

Turfan - Karez Bewässerungssystem
Besichtigungsprogramm Turfan - Gaochang