Entstehung
Beobachtung
Dunhuang

Pünktlich um 8:00 Uhr geht es los. Für die Fahrt sind ca. 12 Stunden eingeplant. Für mich ist es ein Ritual, bei der Abreise von der Sonnenfinsternis von meinem iPod das Album „Dark Side Of The Moon“ zu hören. Ich höre es mir gleich zweimal an, einmal die Originalaufnahme von Pink Floyd aus dem Jahre 1973. Und einmal in der Live-Fassung aus dem Album Pulse, das 1995 aufgenommen worden ist.

Dark Side Of The Moon – die dunkle Seite des Mondes ist am Tage nur bei einer totalen Sonnenfinsternis zu sehen. Dieses Album enthält wunderschöne Stücke, die hervorragend in die Stimmung nach einer Sonnenfinsternis passen. Mit dieser Musik kann ich mich wieder sammeln und ganz langsam dieses emotional tief bewegende Ereignis loslassen. Mit beiden Alben tauche ich über eineinhalb Stunden weg in meine eigene Welt, lasse meinen Geist leiten von psychedelischer Rock-Musik, bin irgendwo entrückt in die Tiefen des Weltalls… und komme langsam wieder zurück auf die Welt, die Erde, den Bus auf dem Weg nach Dunhuang.

Gegen 12:00 Uhr sind wir für eine Rast mit Mittagessen wieder in Hami. Um 16:00 Uhr passieren wir die Grenze zwischen den Provinzen Xinjiang und Gansu und machen an einer Raststelle, oder wie auch immer man das bezeichnen soll, Halt. Clara muss dringend aufs Klo. Als sie zurückkam, meinte sie mit einem ziemlich verkniffenen Gesicht zu mir „Andreas, kneif die Arschbacken zusammen. So eine Architektur hast du noch nie gesehen“.

Das spricht sich natürlich schnell herum. Und hier passiert etwas, was man sich eigentlich vor einer solchen Tour nicht gedacht hätte. Schnell teilen wir die Gruppe auf in Männer und Frauen. Die Frauen gehen links vom kleinen Hügel neben der Straße in die Hocke; die Männer verteilen sich rechts von dem kleinen Hügel. Ich natürlich auch. Igitt, wir waren nicht die einzigen, die so dachten. Auch die Chinesen selbst scheinen die hygienischen Verhältnisse ihrer Toiletten hier mitten in der Wüste zu kennen. Auf einer Fläche von, na, sagen wir mal 100 x 20 m gibt es nicht einen Quadratmeter, auf dem kein Haufen liegt. Ich male mir nur aus, was passiert, wenn ich ausrutsche … Aber irgendwie schaffen wir es alle, unser biologisches Problem zu beheben.

Die Fahrt nach Dunhuang ist ab diesem Rastplatz eine einzige Tortur, Unebenheiten in der Straße schlagen sich voll im Bus durch. Dirk, der auf seinen Rücken aufpassen muss, und ich, der immer mal wieder Probleme mit seinem Nacken hat, sitzen mal kerzengerade, mal stehen wir im Gang, mal nehmen wir auf anderen Sitzen Platz, um einfach in eine andere Körperhaltung zu kommen. Alle werden wir über Stunden durchgeschüttelt, wie ich es noch nie vorher bei einer Busfahrt erlebt habe. An Ausruhen ist nicht zu denken. Und das Interessante: wir überstehen es alle mit einem Lächeln. Keiner mault herum, keiner klagt „Mir ist schlecht“. Mal ist es ruhig im Bus, mal erzählen wir, mal wird herzhaft gelacht. Die Stimmung in der Gruppe ist einfach fantastisch. Es grenzt an ein Wunder, dass wir alle diese Tortur gut überstehen.

Dadurch, dass unser Reiseplan durcheinander gebracht worden ist und wir zwei Nächte in der Wüste waren, ist auch jetzt keine Zeit für das gebuchte und bezahlte Besichtigungsprogramm. Ursprünglich hätten wir auf der Fahrt nach Dunhuang die Düne der klingenden Sande sowie den 200 m langen Mondsichelsee, eine halbmondförmige Wasserstelle in der Wüste besichtigen sollen. Herr Sechs geht da in seiner besonderen Art generös drüber weg und meint, wir können uns ja später bei unserer Reiseagentur beschweren.

Irgendwann am frühen Abend erreichen wir dann endlich Dunhuang – und sind absolut positiv überrascht. Das Hotel entpuppt sich als ein wirklich gutes Hotel. Hier gibt es zwar mal wieder am Empfang Chaos mit unserem Reiseleiter Herrn Sechs. Er erklärt einem Teil unserer Gruppe, dass wir unsere Zimmer zugewiesen bekommen ohne irgendwelche Anmeldeformulare. Dies bekommt aber ein anderer Teil, zu dem auch ich gehöre, nicht mit. Eine freundliche Chinesin am Empfang bittet uns höflich, doch die Anmeldeformulare auszufüllen, womit wir auch beginnen. Als wir dann die Zimmerschlüssel in den Händen halten, frage ich Herrn Sechs, wieso denn die anderen die Formulare noch nicht ausfüllen. Der fällt natürlich aus allen Wolken, wirft mir vor, wir hätten uns vorgedrängelt. Schließlich erfahre ich von ihm auf seine unfreundliche Art, wir hätten die Formulare nicht ausfüllen sollen. Gesagt – getan, zerreißen wir unsere Formulare und beziehen unsere Zimmer. Wir lassen uns doch von dem nicht unsere Reise vermiesen.

Das Hotel entschädigt uns für alles. Tolle Zimmer, super Bäder, bequeme sehr gute Betten, und wieder richtige Toiletten. Wir nehmen uns alle die Zeit, uns wieder ordentlich frisch zu machen, ruhen ein wenig aus und treffen uns dann im Hotelrestaurant zum Abendessen, das wie üblich rein chinesisch ist.

Hier erhalten Otto und ich dann auch endlich von Herrn Sechs eine von XY-Reisen aus Österreich zugefaxte Bestätigung, dass unsere Flüge Dunhuang – Peking gebucht sind. Wir würden keine weiteren Unterlagen benötigen, da es sich um ein elektronisch gebuchtes ETIX-Ticket handelt. Juchhu, unserer Rückreise am nächsten Tage steht nichts mehr im Wege. Wirklich nicht? Wie würde Franz Beckenbauer sagen „Schaun mer mal“.

Wir wandern nach dem Essen ein wenig durch Dunhuang. Ich nehme dann noch an der Hotelbar einen Schlaftrunk in Form eines leckeren Cognacs zu mir. Und schließlich sind wir alle auch bald verschwunden. Unser Schlafdefizit ist doch erheblich.

Am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen. Das Frühstück ist für 7:00 Uhr geplant. Wir sitzen in unserer Gruppe zusammen und quatschen und nehmen Abschied. Denn die Reisegruppe macht sich gleich auf den Weg zum Besichtigungsprogramm und Otto und ich treten von hier die Heimreise an.

Natürlich bereitet uns Herr Sechs auch den richtigen Abschied. Er fühlt sich nicht zuständig für unseren Transfer zum Flughafen von Dunhuang. Den müssen wir gefälligst selbst organisieren. Und natürlich auch selbst bezahlen. Er interessiert sich nicht dafür, dass wir eine Reise „von/bis Peking“ gebucht haben. Mögen wir uns doch an unser Reisebüro wenden. Er ist hier nicht zuständig, und für mich schon gar nicht, habe ich doch nicht bei XY-Reisen gebucht, sondern bei A-Reisen gebucht. Schade, dass ich seine Kommentare nicht ganz auf der Tonspur habe. Aber mir ist es dennoch gelungen, diese Nettigkeiten ein wenig aufzuzeichnen:

Herr Sechs und seine letzte Verweigerung.mp3 [202 KB]

Aber auch davon lassen wir uns nicht unterkriegen. Um 8:45 Uhr verabschieden Otto und ich uns von unseren neu gewonnenen Freunden am Bus. Wir selbst bestellen uns für 9:30 Uhr ein Taxi an der Rezeption, gehen auf unsere Zimmer und packen unsere Sachen. Meine ausgelatschten Freizeitschuhe lasse ich hier zurück

Das Auschecken aus einem chinesischen Hotel dauert auch immer ein wenig länger. Denn die Damen an der Rezeption warten immer erst auf eine Rückmeldung vom Zimmerpersonal, ob das Zimmer auch komplett geräumt ist. Das dauert zwar, entpuppt sich aber bei mir als sehr hilfreich, denn ich habe mein Ladekabel für mein Handy vergessen. Das wurde mir dann mit einem freundlichen chinesischen Lächeln zur Rezeption gebracht. Gut, dass sie meine Schuhe übersehen haben.

Vor der Abreise im Camp
Reise Dunhuang - Peking