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 | Die Zeit bis zur SoFi |
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Die Zeit bis zur SoFi
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Einen Fehler habe ich in dieser Nacht gemacht. Ich habe meine Brille auf dem Wüstenboden im Zelt gelegt und nicht irgendwo auf einem gesicherten höheren Platz. Denn nun muss ich feststellen, dass wohl eine Wüstenmaus die Plastikteile an den Nasenflügeln meiner Brille angeknabbert hat. Aber der Schaden ist nicht groß, ich kann die Brille immer noch ohne Probleme tragen.
Otto und ich stehen dann auch recht bald auf. Der erste Gang – natürlich zur Toilette. Schnell ist sie gefunden, die Hinweisschilder sind ja sehr eindeutig:
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Gesucht – gefunden – gerochen – gesehen – und gleich wieder gegangen. Es sind eben chinesische Toiletten in einem Oasendörfchen der Wüste Gobi. Was will man da auch erwarten.
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Schnell spricht sich herum, dass es außerhalb des Camps im Bereich des Beobachtungsfeldes der SoFi eine Art von Dixi-Klos geben soll. Also verkneifen wir uns, wenn nur eben möglich, unser biologisches Bedürfnis und machen uns auf zur Waschstraße, die sich mitten im Camp befindet.
Auf 2 parallelen mehr als 20 m langen Fundamenten sind Wasserrinnen aufgebaut, in denen das Wasser von außen zur Mitte abfließen kann. Wieso diese Fließrichtung so wichtig ist, werde ich gleich erläutern. Über der Wasserrinne befindet sich ein Wasserrohr, an dem sich in regelmäßigen Abständen von ca. 1 m auf beiden Seiten ein Wasserhahn befindet, aus dem sauberes klares Wasser fließt.
Hier begibt man sich also zur Körperpflege hin. Ich suche mir einen freien Platz so ziemlich in der Mitte der Wasserstraße. Um mich herum ist nichts los, die meisten stehen an den Enden der Wasserstraße. Ich breite mich aus, öffne den Wasserhahn und prüfe das Wasser mit der Hand. Ahhh, es ist kühl und schön klar. Schnell halte ich den Kopf unter dem Wasserhahn und lasse das kühle Nass durch meine Haare rauschen.
Und dann höre ich es wieder, dieses chinesische Rotzen, das hier so normal und weit verbreitet ist. Tief im Rachen sammeln die Männer die Rotze, befördern sie mit lautem schnatternd-rasselndem Luftgeräusch aus der Kehle in den Mund und spucken dann genüsslich in die Wasserrinne. Jetzt weiß ich auch, warum die meisten an den Enden der Wasserstraße stehen. Denn die Rotze fließt nun mit dem Waschwasser in der Rinne von außen nach innen. Und wer befindet sich nahe am Abfluss in der Mitte? ICH
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Ich befinde mich, wie gesagt, mit dem Kopf unter dem Wasserhahn, und da fließt sie auch schon 2 cm unterhalb meiner Nase vorbei. Es schüttelt mich, aber ich reiße mich auch zusammen und sage mir „Andere Länder, andere Sitten. Morgen stehst du auch am Ende der Wasserrinne“.
Ich wasche mir also meine Haare und bemerke dabei, dass mir gegenüber auch der Wasserhahn betätigt wird. Im Augenwinkel bekomme ich mit, dass dort eine Frau ebenfalls zur Körperhygiene übergegangen ist. Nun bin ich ja mit -8 Dioptrien nicht besonders sehkräftig, meine Brille habe ich beiseitegelegt. Aber ich bin auch „Mann“ und neugierig. Ich komme mit dem Kopf hoch, das Wasser läuft mir in die Augen. Dennoch begrüße ich die Frau freundlich und wir stellen schnell fest, dass wir beide aus Deutschland kommen. Natürlich sind wir auch gleich beim „du“.
„Hey“ sage ich „schön, dass ich Gesellschaft bekomme“ – „Ja, das sind also hier die Waschgelegenheiten“ entgegnet sie freundlich, aber auch ein wenig unsicher. Unscharf ohne Brille sehe ich, dass sie ein T-Shirt trägt, ihr Alter kann ich ohne Brille nicht schätzen. Ich stehe hier in der Morgensonne mit nacktem Oberkörper und lächele sie an. „Nur keine Hemmungen, wir sind hier alle unter uns. Prüde Amerikaner sehe ich auch nicht. Du kannst dir also ruhig zum Waschen das T-Shirt ausziehen, mich stört es nicht“. Sie lächelt mich an „Ja, da hast du eigentlich recht“ Gesagt – getan, zieht sie schwupps ihr T-Shirt aus. ‚Super‘ denke ich mir. ‚Dann hast du ja nach der Rotze vielleicht einen Lichtblick diesen Morgen‘ und grinse innerlich, wie Männer so grinsen können. Ich versuche, sie in ein Gespräch zu verwickeln und setze mir dabei in freudiger Erwartung eines interessanten Anblickes meine Brille auf.
Wieso haben Männer eigentlich immer diese Erwartungen, die dann doch nie erfüllt werden. Da steht mir also eine nette Frau zwischen 55 und 60 Jahren im weißen BH gegenüber, der sichtlich versucht, ihrem etwas größeren Busen gegen die Mächte der Schwerkraft ein wenig Form einzuverleiben. ‚Gut‘ sage ich mir, ‚ deine optischen Erwartungen werden heute Morgen nicht erfüllt, aber sie macht einen sympathischen Eindruck. Und außerdem bist du ja wegen der optischen Erwartungen am Nachmittag hier‘. Wir unterhalten uns eine Weile, machen uns frisch, putzen uns die Zähne und versuchen, der immer wieder vorbeischwimmenden Rotze mit einem chinesischen Lächeln zu begegnen. Und für den nächsten Morgen schwören wir uns, auch am Ende der Wasserrinne einen Platz zu finden.
Vom Frischmachen geht es dann zum Frühstück. Otto und ich machen uns auf zum Frühstückszelt, wo wir auch auf unsere Mitreisenden treffen.
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An unserem Nachbartisch sitzen unter anderem unser hoch geschätzter Reiseleiter Herr Sechs mit seiner Partnerin (Anm.: das obige Bild zeigt einen weiteren Tisch, nicht die hier aufgeführten). Hier bekomme ich mit, dass es Probleme mit dem Rückflug von Otto gibt. Otto hatte nicht die gesamte Reise gebucht, sondern muss relativ schnell nach der SoFi wieder nach Hause. Zeitlich lässt sich das allerdings alles nicht arrangieren, was sein Reisebüro XY-Reisen in Österreich für ihn gebucht hat. So entwickelt sich zwischen Otto und Herrn Sechs tischübergreifend eine Diskussion über die Alternativen für die Rückreise von Otto; Alternativen, die Otto verständlicherweise alle ablehnt, weil er auf die gebuchten Leistungen besteht, die er schließlich auch bezahlt hat und die man vor Ort nicht umsetzen kann.
Herr Sechs weist immer wieder darauf hin, dass XY-Reisen an der Lösung der Probleme dran ist und er noch nichts Genaues sagen kann. Für mich klingt das eher alles wie eine fadenscheinige Ausrede und dem typischen Vorgehen von Herrn Sechs, schließlich uns alle vor vollendete Tatsachen zu stellen nach dem Motto „Friss oder stirb“. Otto lässt sich das natürlich nicht bieten, möchte Klarheit. Herr Sechs verspricht schließlich sich zu kümmern.
Nun bin ich aber hellhörig geworden. Denn ich habe nur von A-Reisen eine Mail, dass mein Flug von Dunhuang nach Peking gebucht ist. Ich habe aber keine Buchungsbestätigung, nichts. Also bitte ich Herrn Sechs, sich doch auch um meinen Flug zu kümmern, ob er denn tatsächlich gebucht sei. Denn bei Otto ist ja auch Einiges nicht gebucht.
Da wird Herr Sechs patzig. „Andreas, deine Reise interessiert mich nicht, du hast bei A-Reisen gebucht und nicht bei XY-Reisen. Ich bin nicht dein Reiseleiter und kümmere dich bitte selbst um deinen Flug, ich mache das nicht“. Bass erstaunt weise ich Herrn Sechs noch freundlich darauf hin, dass er da nicht richtig liege. A-Reisen hat mir schriftlich mitgeteilt, dass er auch mein Reiseleiter sei. Deshalb sei ich ja auch in dieser Gruppe, genauso wie die anderen Mitreisenden, die bei A-Reisen gebucht haben „Das interessiert mich alles nicht“ meint er „ich bin nur für die Gäste von XY-Reisen zuständig. Ihr seid hier zwar in der Gruppe, aber mehr auch nicht. Ihr müsst euch um euch selbst kümmern“.
Was soll man da noch sagen. Da ist man im tiefsten China in der Wüste Gobi und der Reiseleiter fühlt sich nicht zuständig, wenn Probleme auftreten. Mich kümmert das nicht großartig. Ich stehe vom Frühstückstisch auf und gehe zu Martan, der auch gerade frühstückt. Ich bitte ihn zu klären, ob mein Rückflug Dunhuang-Peking auch tatsächlich gebucht ist und erkläre ihm auch, warum ich mir unsicher bin, ob eine korrekte Buchung getätigt worden ist. Martan erklärt sich sofort bereit, dies zu prüfen und sagt mir zu, bis zum Abend nach der SoFi mir eine entsprechende Information zu geben.
Ist schon ein Ding, Herr Sechs klärt tatsächlich nur alle Reiseangelegenheiten für die Mitreisenden, die bei XY-Reisen in Österreich gebucht haben. Zum Glück ist das Telefon-Netz in China selbst hier mitten in der Wüste ausgezeichnet. Da kann sich die Uckermark eine Scheibe von abschneiden. Ich kann per Handy eine Mail an mein Reisebüro absetzen, in der ich die untragbaren Zustände darstelle, in die wir hier wegen unseres Reiseleiters Herrn Sechs kommen. Und prompt bekomme ich auch in kurzer Zeit eine Antwort von A-Reisen, die in etwa so lautet:
„Wir kennen Herrn Sechs bereits von der SoFi 2006 in Libyen. Schon dort hat er katastrophale Leistungen erbracht. Wir waren sehr überrascht, dass XY-Reisen für China wieder auf Herrn Sechs zurückgegriffen hat und werden uns umgehend mit XY-Reisen in Verbindung setzen, um für Sie und die Mitreisenden tragbare Zustände herbeizuführen. Bereits in Libyen bezeichneten die Mitreisenden Herrn Sechs als Stern sechster Größenordnung.“ (Anm.: ein Stern sechster Größenordnung ist ein Stern, den man nur bei extrem guten Sichtbedingungen gerade noch eben am Himmel mit bloßem Auge erkennen kann. Und das trifft ja auch auf Herrn Sechs zu; seine Leistungen sind gerade eben wahrnehmbar und nur bei guter Laune ertragbar).
Für Otto kann ich nun leider nichts tun, aber wenigstens für meine Reise kann ich Klärung herbeiführen. Wir lassen uns nun nicht unsere gute Laune von den Details der Inkompetenz unseres Reiseleiters verderben. Für den Vormittag ist eine Besichtigung des Beobachtungsfeldes außerhalb der Oase in der Wüste Gobi angesagt. Das wollen wir in aller Ruhe angehen. Allerdings wollen wir die ersten auf dem Beobachtungsfeld sein. Denn wir haben gehört, dass dort eine Reihe von „Dixi-Klos“ aufgestellt ist. Und die sind mit Sicherheit noch nicht benutzt.
Um 10:00 Uhr geht es dann in einer Gruppe von ca. 30 Leuten raus aus der Oase auf die Hochebene der Wüste Gobi zum Beobachtungsfeld. Da steht dann auch endlich die Reihe der Dixi-Klos, die wir natürlich inspizieren und in Betrieb nehmen.
Unsere Gruppe ist international besetzt, ich lerne Menschen aus Frankreich, England, Kanada und weiß Gott woher sonst noch kennen. Wir alle sind gut gelaunt und auch aufeinander neugierig, kommen schnell ins Gespräch. Die häufigsten Fragen sind:
Wo kommst du her?
Deine wievielte Sonnenfinsternis ist das?
Ich muss feststellen, dass ich mit meiner jetzt dritten totalen und einer ringförmigen SoFi noch nicht allzu viel erlebt habe. Die ringförmige zählt ja nicht einmal so richtig bei den Eclipse-Chasern, also den SoFi-Jägern, zu denen ich jetzt ja auch gehöre. Ich höre von der sechsten, der achten, der fünfzehnten SoFi und den tollsten und aufregendsten Reisen, die die Hardliner unter den Eclipse-Chasern bereits unternommen haben.
Und eins stelle ich fest. Unter den SoFi-Jägern herrscht eine tolle Atmosphäre, man geht offen aufeinander zu, ist freundlich und hilfsbereit, aufeinander neugierig und miteinander höflich. Es ist eine Gemeinschaft, die man im alltäglichen Leben nicht wieder findet. Bei der Planung der nächsten SoFi weiß ich ganz genau, ich werde zwar nicht die Menschen von dieser SoFi wieder treffen. Aber alle Menschen, die zur SoFi zusammen kommen, sind gleich verrückt und zeichnen sich durch dieses ganz spezielle SoFi-Zusammengehörigkeitsgefühl aus. Auch das ist ein Grund, bei allen Strapazen wieder loszufahren und diese SoFi-Verrückten wieder zu treffen.
Schließlich kommen wir an dem Beobachtungsfeld an, das die Organisatoren vor Ort für uns als den idealen Standpunkt ausgesucht haben. Wir befinden uns auf einer Hochebene, in unserem Rücken liegt die Oase, nach vorne und zu den Seiten ergießt sich diese Hochebene und wird von entfernten Gebirgen eingerahmt. Den Karten nach reichen die Berge bis zu 5.000 m hoch. Doch die Gebirge sind weit entfernt und so nehmen sie uns nicht die Sicht.
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Vergleiche mit einer Marslandschaft werden wach. Eine Kies- und Schotteroberfläche ist das bestimmende Merkmal. Kleine Büschel wachsen dazwischen. Und es ist warm, deutlich über 30° C. Unsere Wasserflaschen, die wir mitgenommen haben, sind schon längst leer.
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Fachmännisch diskutieren wir, wo denn nun der geeignetste Ort ist. Dabei spielt natürlich auch eine Rolle, dass wir alle ganz individuell die SoFi erleben wollen. Ohne große Abstimmung stellen wir alle fest, dass jeder die SoFi nur in einer maximal kleinsten Gruppe genießen möchte. Ohne uns jedoch genau festzulegen, machen wir uns wieder auf den Rückweg.
In der Nähe zur Oase haben die Chinesen ein Vergnügungsareal aufgebaut. In einem abgezäunten Gebiet befinden sich verschiedene Darstellungen zum Sonnensystem und zur chinesischen Astrologie. Das Ganze ist auf einem grünen Kunstrasen chinesisch farbenfroh gestaltet.
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Jetzt stellen wir auch fest, warum wir angeblich kein Wasser mit in die Wüste nehmen durften. Nur in dieses Vergnügungsareal dürfen wir kein Wasser mitnehmen, wahrscheinlich aus Sicherheitsgründen analog den Sicherheitsbestimmungen für die Flieger. Denn hier werden auch hohe chinesische Offizielle die SoFi verfolgen.
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Und dieses Areal ist in erster Linie gedacht für die Chinesen selbst. Angeblich sollen heute bis zu 10.000 Chinesen kommen die SoFi verfolgen. Doch nachher werden wir feststellen, dass nur einige hundert die Sicherheitssperren bis hierhin passieren konnten.
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Wir verbringen noch eine kurzweilige Zeit. Vor allem genießen wir auch noch die eisgekühlten Coca Cola, die uns in der Wüste das nötige Koffein und den Zucker zuführen.
Dann machen wir uns auf den Weg zurück ins Camp, gehen ins Restaurant-Zelt zum Mittagessen und versuchen vor dem großen Ereignis noch ein wenig Ruhe zu finden. Wir prüfen unsere Ausrüstung: sind alle Akkus geladen? Die Objektive sauber? Die Stative vollständig? In der Mittagssonne ist es richtig heiß, in den Zelten ist es zu warm, kein Wind weht, wir suchen uns schattige Plätzchen, um uns zu sammeln, zu konzentrieren und uns auch innerlich auf das Ereignis einzustimmen.
Gegen 15:30 Uhr fährt der erste Bus raus zum Beobachtungsfeld. Natürlich sind wir dabei. Auch wenn die Wüste um diese Uhrzeit heiß ist, wir keinen Schatten finden werden und es noch ein paar Stunden sind bis zur SoFi, wollen wir hinaus, nichts hält uns mehr im Camp. Die innere Anspannung steigt immer mehr.
Auf dem Weg zum Bus gehe ich noch an der Wasserrinne vorbei, halte meinen Kopf unter dem Wasserhahn und mache ein großes Handtuch richtig kalt nass, das ich mir dann um den Nacken hänge. Ich bin überrascht, wie lange diese Kühle im Nacken in der Wüste anhalten und mir Erfrischung geben wird.
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Im Camp Die SoFi
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