Der Teil des Camps, der von Eclipse-City betreut wird (ca. 80 der 600 Gäste) macht sich bald per Bus auf den Weg zu einem abendlichen Gala-Dinner. Ich bleibe im Camp, möchte den Abend für mich verbringen. Ich schlendere durch die Oase, die Einheimischen haben hier Imbissstände mit Grill aufgebaut, auch eisgekühltes Bier gibt es. Eine Kleinigkeit zu essen und ein Bier bringen mir meine Lebensgeister wieder. Denn die SoFi in der prallen Sonne bei den heißen Temperaturen hat auch ihren Tribut gefordert, ich werde innerlich sehr ruhig und ausgeglichen.
Und wieder diese sympathischen und freundlichen Chinesen. Schade, dass ich schon eine Kleinigkeit gegessen habe. Auf dem Weg von den Imbissständen zum Camp komme ich auch an die für mich recht bescheidenen kleinen Häuser vorbei, die von den Einheimischen bewohnt werden. Es ist mittlerweile tief dunkel, Licht gibt es in diesem Teil der Oase fast gar nicht. Vor einem dieser Häuser hat ein alter Chinese einen kleinen Wok auf ein offenes Feuer gestellt und bereitet für seine Familie und sich eine Reisspeise mit Fleischeinlage vor. Es riecht lecker und neugierig gehe ich hier vorbei. Der alte Chinese lächelt mich an und deutet mit der Hand, ich möge doch bitte dazu kommen und mit ihm und der Familie gemeinsam essen. Ich habe noch heute ein schlechtes Gewissen, dass ich dieses Angebot abgeschlagen habe. Ich wollte für mich sein und fühlte mich nach der SoFi überfordert, gemeinsam mit der chinesischen Familie zu essen.
Aber so sind die Chinesen. Sie sind Menschen, die in der Gemeinschaft leben. Für sie ist es schwer nachvollziehbar, dass ein Mensch wie ich allein durch die Oase tigert und seinen Gedanken nachgeht. Ich wünschte mir, wir Europäer hätten mehr von dieser freundlichen und offenen Art und dem Leben in der Gemeinschaft.
Gegen 22:50 Uhr lasse ich mich vor unserem Zelt nieder, öffne noch eine Flasche Bier und lasse die Seele baumeln. Immer wieder streichen die Militärpatrouillen am Zelt vorbei und beäugen mich neugierig und sehr freundlich. Und auch hier bleibe ich nicht lange allein. Nach einer halben Stunde kommt eine ältere Chinesin zu mir. Im akzeptablen englisch stellt sie sich mir als Mutter von Xiao Xiao vor; letztere ist ja die lokale Stellvertreterin unserer Camp-Leiterin. Sie wundert sich, dass ich allein bin und nicht zum Gala-Dinner mitgefahren bin. Und weil Chinesen es nun mal nicht haben können, dass Menschen allein für sich sind – und schon gar nicht die Gäste in diesem phantastischen Land – lädt sie mich schnurstracks in ihr Zelt zu einem Tee mit Keksen ein.
Man müsste das eigentlich mal auf Deutschland übertragen. Würden wir einen chinesischen Gast in einem Zeltlager, der allein vor seinem Zelt sitzt - einen Menschen, den wir nicht kennen - freundlich ansprechen und ihn bitten, die Zeit mit uns zu verbringen, bis alle anderen wieder zurück sind? Würden wir ihn in unser Zelt einladen? Ich erspare mir die Antwort.
Aber ich bin nun zur Ruhe gekommen und nehme gerne die Einladung dieser sympathischen Frau an. Ihren Namen kann ich leider weder schreiben noch aussprechen. Natürlich hilft mir wieder meine Tonaufzeichnung.
Unterwegs mit der Mutter von Xia Xiao.mp3 [515 KB]
Wir begeben uns also in ihr Zelt, trinken Tee, knabbern an Keksen und unterhalten uns über China und die SoFi. Sie erzählt mir, sie sei 60 Jahre alt (unglaublich, ich habe sie auf 40 geschätzt, aber das Alter der älteren Chinesen ist für uns Europäer sehr schwer zu schätzen) und Kinderärztin in Peking. Wir haben Spaß und lachen und so vergeht auch die Zeit, bis alle anderen vom Gala-Dinner zurück sind.
Als wir sie ankommen hören, so gegen 0:30 Uhr, verabschieden die Mutter von Xiao Xiao und ich uns. Schon von weitem rufen mir meine Mitreisenden zu „Hey, Andreas, du hast es genau richtig gemacht, dass du hier geblieben bist. Es war einfach nur grausam. Passend zum Essen ist das Licht ausgefallen. Und das war auch gut so, es gab Hühnerkrallen – ihhhhhhhhhhhhhhhhh“. Und das ist kein Scherz, das Gala-Dinner entpuppte sich als, ich sage mal für uns Europäer, ungenießbar; es gab tatsächlich Hühnerkrallen zu essen. Auch das ganze Drumherum war wohl sehr bescheiden, um es mal freundlich zu sagen. Gut, dass ich mich entschieden habe, den Abend für mich allein zu verbringen.
Otto hat auch noch frohe Kunde für mich. Die österreichische Reiseagentur XY-Reisen hat es doch tatsächlich geschafft, für ihn und für mich den Flug von Dunhuang nach Peking zu buchen. Herr Sechs will es mir persönlich im Gespräch nicht zugeben. Er bat Otto, mir doch mitzuteilen, dass mein Flug tatsächlich nicht gebucht war, aber jetzt eine Buchung getätigt wurde. Die Buchungsbestätigung würde ich als Fax am nächsten Abend im Hotel in Dunhuang erhalten. Ja ja, so ist unser Herr Sechs ….
Wir unterhalten uns noch vor den Zelten, haben Spaß und lachen. Auch Gäste aus den USA, aus Kanada und Skandinavien gesellen sich zu uns. Englisch ist natürlich die vorherrschende Sprache. Wieder ergreift uns auch diese besondere Atmosphäre, die unter den SoFi-Jägern herrscht, diese Atmosphäre der Offenheit und Freundlichkeit, Atmosphäre des Zuhörens und Redens, des Lächelns und Staunens.
Spät in der Nacht kommen wir ins Bett. Und wir bekommen nur wenig Schlaf, weil es am nächsten Tag morgens um 8:00 Uhr gleich mit dem Bus losgeht nach Dunhuang, unserer nächsten Station.
|