Entstehung
Beobachtung
China, 01.08.2008

"Wir haben es heute hier richtig kalt", meint unser chinesischer Führer Mardan. "Es sind nur 33 °C. Sonst werden hier im Sommer bis zu 50 °C erreicht."

Wir befinden uns in Turfan, einer Oasenstadt in der Taklamakan-Wüste an der nördlichen Route der Seidenstraße in der chinesischen Provinz Xinjiang. Wir, das ist eine Gruppe von 20 Sonnenfinsternis-Jägern, die sich von Deutschland, Österreich und der Schweiz aus auf den Weg gemacht haben, um hier im Nordwesten Chinas eine Sonnenfinsternis zu beobachten. Die Anreise erfolgte per Flieger über Peking bis Urumqi, der Provinzhauptstadt von Xinjiang. Und ab Urumqi bewegen wir uns per Bus entlang der Seidenstraße durch die Wüste von einer Oasenstadt zur nächsten.

Heute, am 29.07.2008, sind wir in Turfan angekommen und bleiben hier für 2 Nächte. Turfan hat drei charakteristische Merkmale. Es ist die heißeste Stadt Chinas, im Sommer wird es hier bis zu 50 °C warm. Selbst nachts kühlt es nicht richtig ab, so dass die heimische Bevölkerung, die zu über 70 % aus den Uiguren besteht, in ihren Betten auf den Dächern ihrer Häuser schläft.

Turfan ist die tiefstgelegene Stadt Chinas. Sie liegt 150 m unterhalb des Meeresspiegels. Nur das an Israel und Jordanien grenzende Tote Meer liegt mit 400 m unterhalb des Meeresspiegels tiefer als Turfan.

Und Turfan ist die süßeste Stadt Chinas, bekannt für seine Melonen und vor allem seinen Weinanbau. Da die Bevölkerung überwiegend muslimisch ist, werden aus den Weinbeeren hauptsächlich süße Rosinen gewonnen.

In und um Turfan herum erledigen wir ein umfangreiches Besichtigungsprogramm. Wir besuchen die Ruinenstädte Jiaohe und Gaochang sowie die Gräber von Astana, wo die ehemaligen Herrscher von Gaochang beerdigt sind. Wir lassen uns das Bewässerungssystem von Turfan mit den Karez-Wasserkanälen erläutern. Wir bestaunen das 230 Jahre alte Emin-Minarett, eine in uigurischer Architektur gestaltete Moscheeanlage, und besuchen spät nachmittags einen uigurischen Markt, auf dem wir als Europäer genauso bestaunt werden, wie wir die Menschen und das Treiben auf dem Markt mit Neugierde und Spaß erleben.

Weiter stehen auf dem Programm die Tausend-Buddha-Höhlen von Bezeklik, einem Komplex von buddhistischen Höhlentempeln aus dem 5. bis 9. Jahrhundert.

Am 31.07.2008 verlassen wir diesen gastlichen Ort. Unser Ziel ist das Oasendörfchen
Wei Zi Xia. Nach über elfstündiger Busfahrt, die uns quer durch die Wüste über die Oasenstädte Hami und Yiwu führt, erreichen wir die 1.100 m hoch gelegene Hochebene der Wüste Gobi. Auf dem Weg hierhin passieren wir drei Militärkontrollen. Denn unser Zielgebiet liegt im militärischen Sperrgebiet 40 km entfernt von der Grenze zur Mongolei. Aufgrund der jüngsten terroristischen Anschläge in der Provinz Xinjiang ist die militärische Führung sehr darauf bedacht, dass wir - auch im Vorwege der olympischen Spiele in Peking - eine vollkommen unbeschwerte Sonnenfinsternis erleben.

In Wei Zi Xia hat das Militär ein Zeltlager für 600 Gäste aus der ganzen Welt errichtet. Natürlich werden die sanitären Bedingungen nicht unseren westlichen Ansprüchen gerecht (und das ist noch vorsichtig ausgedrückt). Aber wir können uns waschen; es gibt zu essen; und ganz wichtig hier in der Wüste: es gibt genug zu trinken.

Otto, ein Richter aus Wien, und ich bekommen ein 4-Mann-Zelt zugewiesen, das wir nun für die nächsten 2 Nächte für uns haben. Es gibt Licht und vor allem Elektrizität, so dass wir vor dem großen Ereignis alle möglichen Akkus unserer Gerätschaften laden können. Der einzige Fehler, den ich mache, ist, dass ich nachts meine Brille auf den Zeltboden lege. Hat doch glatt am nächsten Morgen eine Wüstenmaus die Nasenflügel meiner Brille angeknabbert.

Am 01.08.2008 ist es dann soweit, der große Tag. Unsere innere Anspannung ist enorm hoch. Die Nacht haben wir alle schlecht geschlafen. Aber der Körper scheint in einer solchen Situation sehr viel Adrenalin zu produzieren - wir fühlen uns trotz anstrengender Anreise und wenigem Schlaf sehr fit.

Vormittags gehen wir bereits raus in die Wüste, diskutieren fachmännisch, welcher Beobachtungspunkt der günstigste ist. Es wird das schönste Motiv gesucht in dieser Hochebene der Wüste Gobi mit den Bergen im Hintergrund. Aber auch die Stelle, an der der herannahende Mondschatten am besten zu beobachten sein wird. Und ebenso diskutieren wir die unterschiedlichen technischen Ausrüstungen, die ein jeder von uns mitschleppt. Belichtungszeiten und Kameraempfindlichkeiten, Brennweiten und Sonnenschutzfolien gehören zu den meist besprochenen Themen.

Dann geht es wieder zurück ins Camp, Mittagessen, ein wenig ausruhen. Und um 15:30 Uhr startet das Abenteuer SoFi. Wir fahren wieder raus zu unserem Beobachtungsfeld, natürlich viel zu früh. Aber nichts hält uns mehr im Camp.

Und hier, unter der brütenden Wüstensonne, fällt unsere Gruppe vollkommen auseinander. Bis hierhin haben wir alles gemeinsam erlebt, haben Spaß gehabt und viel gelacht. Aber eine SoFI, ein emotional tief bewegendes Naturschauspiel, möchte jeder für sich erleben.

Ich baue mich mit meiner Ausrüstung auf einer kleinen Erhebung auf. Meine Ausrüstung besteht aus einer digitalen Spiegelreflexkamera Nikon D50 mit einem Objektiv Sigma 70 - 300 mm D f4 - 5,6 DG,

einem Sony-Camcorder, mit dem ich 30 Minuten um die totale Phase herum nicht die Sonne, sondern den Beobachtungsort aufnehmen werde, um zu dokumentieren, was sich während der Finsternis am Beobachtungsort abspielt,

einem Sony-Voice-Recorder, den ich während der SoFi mitlaufen lasse, um auch die gesamte Akustik, das gesprochene Wort, Hintergrundgeräusche etc. aufzunehmen. Mein Ziel ist nicht nur, Bilder der SoFi aufzunehmen, sondern auch vor allem alles aufzuzeichnen, was sich im Zusammenhang mit der SoFi am Beobachtungsort abspielt. Eine SoFi ist ein faszinierendes Naturschauspiel, das uns immer wieder vollkommen in den Bann zieht. Die emotionalen Elemente sind so tiefgehend, dass sie nicht mehr zu beschreiben sind. Scheinbar produziert der Körper bei einem solchen Naturschauspiel derart viel Adrenalin und im Kopf auch Endorphin und andere Glückshormone, dass man zwischen höchster Euphorie und tiefster Ehrfurcht hin- und hergerissen ist.

Ich baue mich also an meinem Beobachtungsort auf, teste meine Gerätschaft durch und habe viel Zeit, mich auch innerlich auf die SoFi vorzubereiten. Ich setze mich auf meinen Hocker, trinke schlückchenweise das mittlerweile kochendheiße Mineralwasser und lasse die Seele baumeln. Mehr als eine halbe Stunde genieße ich die Zeit für mich allein, genieße diese phantastische Hochebene der Wüste Gobi mit den umliegenden Gebirgszügen.

Meine SoFi-Kollegen verteilen sich weit über die Hochebene. Jeder hat seinen individuellen Beobachtungsplatz. Mir am nächsten sind Tony und Margret, ein Rentnerehepaar aus der Schweiz. Es ist noch genug Zeit bis zum Beginn der partiellen Phase der SoFi. Also mache ich mich auf den Weg zu Tony und Margret. Gerade Tony und ich hatten in den zurückliegenden Tagen viel Spaß und oft herzhaft miteinander gelacht. Und so bittet Tony mich auch sogleich, gemeinsam mit ihnen die SoFi zu erleben.

Gesagt, getan. Ich ziehe mit meiner gesamten Ausrüstung um und baue mich bei Tony und Margret neu auf. Auch Gaby gesellt sich schließlich zu uns. Sie arbeitet an der Rezeption eines Heidelberger Hotels. Und hier auf der Hochebene wandert sie von einem Beobachtungsplatz zum nächsten und bleibt schließlich bei uns hängen.

Die Spannung steigt. Es geht auf 18h 09m 06sec zu, dem Zeitpunkt des ersten Kontaktes (die Mondscheibe berührt die Sonnenscheibe). Die Ausrüstung wird überprüft, Probeaufnahmen werden geschossen. Und dann ist es soweit. "Da. Da passierts. Etwa auf 3 Uhr an der Sonnenscheibe! Oder doch nicht? Doch, ja, jetzt sehe ich es auch". Erkennbar hat der Mond begonnen, sich vor die Sonne zu schieben. Wir alle betrachten fasziniert mit unseren SoFi-Brillen diesen Moment. Jubelrufe und Applaus tönen über die Hochebene.


 

18h 09m 10s kurz nach dem ersten Kontakt

Und ich beginne mit meinem photographischen Programm. Alle 5 Minuten schieße ich ein Foto von dieser partiellen Phase der SoFi. Kamera und Objektiv schütze ich mit einer speziellen Sonnenschutzfolie der Fa. Baader. Bei einer Brennweite von 300 mm wähle ich in der manuellen Beleuchtungssteuerung eine Belichtung von 1/1000 s bei Blende 1/8 und einer Empfindlichkeit von ISO 200. Zuvor habe ich mit der Autofokusfunktion automatisch auf die Sonne fokussiert und dann den Fokus in der manuellen Steuerung eingefroren.

Die partielle Phase ist ziemlich unspektakulär. Alle 5 Minuten dokumentiere ich diesen Teil der SoFi mit einem Foto. Spektakulär dagegen scheinen die Wolken zu werden, die sich vereinzelt am Himmel gebildet haben. Neben all den Erlebnissen der letzten Tage sind sie jetzt unser intensivstes Gesprächsthema. Wird es gut gehen?


 

18h 44m 16s

Aber richtig spektakulär wird es so langsam, als es ca. 30 Minuten vor dem 2. Kontakt (Mondscheibe schiebt sich ganz vor die Sonne) merklich kühler wird. Auch das Licht ändert sich. Einige berichten, es wird weicher, milchiger. Andere wiederum sagen, so wie ich auch, es wird klarer und kontrastreicher. Die Wüste wird in ein langsam dunkler werdendes Licht getaucht, die Schatten werden immer schwächer.

Die Zeit schreitet weiter voran. Es kühlt mehr und mehr ab. Und durch unsere SoFi-Brillen erkennen wir die Sonne nur noch als Sichel.

Doch dann geschieht das Unfassbare. 5 Minuten vor dem 2. Kontakt schiebt sich eine Wolke vor die Sonne. Wir stehen mitten im Wolkenschatten, der wiederum eingebettet ist von diesem einmaligen abgedunkelten Licht aus dem letzten Teil der partiellen Phase der SoFi. Es wird geschimpft, geflucht. Von überall her hören wir aufgeregte Diskussionen. Menschen bauen hastig ihre Ausrüstung ab und laufen aus dem Wolkenschatten heraus. Auch wir diskutieren. Was tun? Wir entscheiden uns, das Risiko einzugehen und nicht umzuziehen.


 

19h 01m 24s

Und es war genau richtig. 2 Minuten vor dem 2. Kontakt verzieht sich die Wolke und gibt einen phantastischen Blick auf die fast verdunkelte Sonne frei. Die Hochebene ist in ein fast irreales schattenarmes dunkles Licht getaucht.


 

19h 06m 46s

Die Spannung steigt weiter. Der große Moment steht unmittelbar bevor. 30 sec vor dem 2. Kontakt nehme ich die Sonnenschutzfolie vom Objektiv und ändere die Belichtungszeit auf 1/400 s. Und während der totalen Phase werde ich nichts ändern. Die Kamera löse ich aus mit einer kabellosen Fernbedienung. Ich will mich nicht zum Knecht meiner Technik machen; ich will die SoFi genießen, erleben, verinnerlichen ... Unglaublich, in diesem Moment schreit ein Esel in der Oase auf. Und kurz darauf kräht ein Hahn.

Doch worauf soll ich achten? Auf die Faszination des letzten wegbrechenden Sonnenstrahls? Oder schaffe ich es diesmal, den heraneilenden Mondschatten zu sehen? Ich entscheide mich für den Mondschatten, der aus Richtung Nordwesten mit mehreren tausend km/h auf uns zugeeilt kommen soll. Dadurch bekomme ich allerdings nicht das Wegbrechen des letzten Sonnenstrahles mit. Diesen Moment fange ich ein, als ich ca. 30s vor der totalen Phase die Sonnenschutzfolie vom Objektiv wegnehme und die Belichtungszeit auf 1/400s verlängere. Nach Nordwesten schauend drücke ich immer wieder auf die Kabellose Fernbedienung, meiner Kamera, um jede Phase der Sonnenfinsternis aufnehmen zu können.


 

19h 07m 22s kurz vor dem zweiten Kontakt

Es überrascht mich vollkommen, absolut unerwartet. Ich dachte, ich würde einen Schatten sehen. Aber was da passiert, übersteigt mein Vorstellungsvermögen. Da kommt ein dunkler Raum auf mich zugelaufen. Mystisch, gespenstisch, ein dunkler Raum, ohne Wände und Decke. Er bewegt sich nicht im kontinuierlichen Tempo auf mich zu. Nein, mit riesigen Schritten ist er plötzlich da. Und plötzlich bin ich in ihm, in diesem dunklen Raum; hat er mich gefangen genommen.

Jubelschreie reißen mich aus meiner Gefangenheit. Und ich schaue zum Himmel. Und da steht sie, die schwarze Sonne. Und meine Gefangenheit wechselt schlagartig über einen Freudentaumel. So habe ich sie noch nie gesehen, so pechschwarz, das tiefste Schwarz, das ich mir überhaupt vorstellen kann. Und kristallklar.


 

19h 07m 36s kurz nach dem zweiten Kontakt

Da steht am Himmel eine schwarze Sonne. Sie ist umgeben von einem gleißend hellen Ring. Eine tolle Korona hat sich fächerartig im Bereich 3 - 5 Uhr und 9 - 11 Uhr an der schwarzen Sonne ausgebildet, die milchig weiß in einen dunkelblauen kristallfarbenen Himmel ausdünnt.

Und der Himmel ist tiefstdunkelblau, zur schwarzen Sonne hin leicht heller werdend im dunklen Blau. Und um uns herum am Horizont hat sich ein goldgelber Saum gebildet, der uns das Gefühl gibt, als ob wir mitten auf der Bühne eines grenzenlosen Ereignisses stehen.


 

19h 08m 30s ca. Mitte der totalen Phase

Kristallklar ist die Dunkelheit. Planeten und Sterne sind am Himmel erkennbar. Auch die Sonne weist eine Protuberanz auf, die wir deutlich erkennen können.

Die Zeit eilt vorwärts. Uns bleibt gar nicht genug Zeit, all das zu erfassen, zu verstehen, was wir in dieser SoFi erleben. Denn von dort, wo die Dunkelheit auf uns zugerannt kam, naht jetzt die Helligkeit. Aber es ist anders als vor 2 Minuten. Die Helligkeit kommt, ja, sie kommt. Aber es ist nicht mystisch, es ist auch nicht befreiend. Sie naht einfach.


 

19h 09m 28s kurz vor dem dritten Kontakt

Und dann ist es vorbei, schlagartig. Weil sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, empfinden wir den ersten Sonnenstrahl nicht als einen um den Mondrand herum brechenden Sonnenstrahl, sondern als ob jemand das Licht angeknipst hat.


 

19h 09m 34s kurz nach dem dritten Kontakt

Wir sind benommen von der Helligkeit, müssen erst einmal begreifen, dass es vorbei ist. Aber auch hier reißen uns die Jubelschreie nach dem dritten Kontakt (Mondscheibe schiebt sich aus der Sonnenscheibe heraus), die über die Hochebene gehen, aus der Befangenheit. Schnell setze ich die Sonnenschutzfolie wieder vors Objektiv.

Und dann fangen wir an zu reden, erzählen uns begeistert von unseren Eindrücken. Auch stellen wir wieder fest, wie die Wüste in dieses einmalige schattenarme Licht eingebettet wird. Aber es beeindruckt uns nicht mehr so stark wie zu Beginn der SoFi.

Auch hier beginne ich wieder, mein fotografisches Programm von der zweiten partiellen Phase der SoFi abzuarbeiten. Doch schon nach wenigen Minuten schieben sich Wolken vor die Sonne, die auch bis zum Ende, also bis zum 4. Kontakt (Mondscheibe berührt Sonne letztmalig) die Sicht auf die Sonne versperren.


 

19h 29m 16s

Margret, Gaby und Tony verlassen mich alsbald und gehen zurück ins Camp. Ich bleibe hier noch in der Hochebene der Wüste Gobi für mich allein, tief beeindruckt von dem gerade Erlebten. Kurz vor Dunkelheit packe auch ich meine Sachen und gehe ins Camp zurück.

Das Camp-Management hat uns abends zu einem Gala-Dinner außerhalb des Camps eingeladen. Doch ich bleibe allein im Camp zurück, setze mich vors Zelt, schaue in diesen einmaligen Nachthimmel und versuche, die Bilder des heutigen Tages in meinem Hirn zu sortieren.

Am nächsten Morgen verlassen wir das Camp. Für mich geht die Reise über Dunhuang und Peking zu Ende. Am 05.08.2008 bin ich endlich wieder zu Hause, nach einer sehr anstrengenden und sehr beeindruckenden Reise.



Anmerkung: Der Bericht wird noch weiter ausgebaut, immer mal auf meine Hauptseite schauen im Änderungsnachweis, ob es was Neues gibt