Entstehung
Beobachtung
Anreise zur SoFi

Anreise zur SoFi

Die Nacht ist ganz okay. Ich lasse die Klimaanlage laufen, sie ist zwar laut, aber ich komme dennoch zur Ruhe. Um 7:00 Uhr erscheine ich dann beim Frühstück. Tee, Weißbrot mit Marmelade und süßes Gebäck nehme ich zu mir.

Um 8:00 Uhr wollen wir losfahren. Vor dem Hotel stehen an die 10 Busse für die SoFi-Touristen aus aller Welt, die sich hier im Hotel Oasis zusammengefunden haben. Unser Bus gehört zu den ersten, die abfahren. Um 8:40 Uhr starten wir dann leicht verspätet vom Hotel und fahren der Sonnenfinsternis entgegen. Eigentlich wollten wir um 8:00 Uhr los. Aber das Hotel-Management muss erst einmal jedes einzelne Zimmer abnehmen, ob auch noch alle Handtücher da sind.

Unsere ursprüngliche Reiseplanung sah vor, dass wir uns auf dem Weg nach Barkol machen, dort ein touristisches Programm abarbeiten, uns von Barkol aus in die Wüste Gobi aufmachen, um dort die SoFi zu erleben, und dann wieder nach Barkol zurück. So war die Reise geplant und gebucht. 7 Tage vor der Abreise nach Peking erhielt ich jedoch eine Mail von der Fa. A-Reisen, also der Firma, bei der ich die Reise gebucht hatte, dass es irgendwelche Änderungen geben würde. Die Änderungen waren in englisch aufgeführt und mir war auch nicht ersichtlich, in welchem Bezug die aufgeführten Informationen zu meiner gebuchten Reise stehen. Ein direkter Bezug war nicht ersichtlich. Es waren Änderungen für die unterschiedlichsten Reisen beschrieben, die alle vom chinesischen Partner Grand China Travel meines Reisebüros geplant wurden. Grand China Travel ist der Veranstalter vor Ort. Es waren die unterschiedlichsten Bezeichnungen von Reisen aufgeführt, nur meine gebuchte Reise war nicht dabei. Und so hatte ich auch nicht verstanden, worum es denn nun eigentlich ging, und warum ich angeschrieben wurde.

Allerdings bat mich das Reisebüro, ich möge doch schnell die Änderungen akzeptieren und per Mail bestätigen, was ich natürlich nicht getan hatte. Ich hatte es nicht verstanden, was sich ändern sollte. So erging es allen, die bei A-Reisen und auch bei XY-Reisen gebucht hatten. Beide Unternehmen bedienten sich Grand China Travel als örtlichem Unternehmen. Das ging allerdings in keinster Weise aus der Web-Site von A-Reisen hervor, als ich auf diese Reise gestoßen bin. A-Reisen trat so auf, als ob sie auch die Reise vor Ort organisieren und durchführen würde.

Einige waren ja auch schon zum Vorprogramm in China und konnten somit diese Informationen auch nicht vorab lesen.

Und unser Reiseleiter Herr Sechs druckste vor diesem Thema auch herum. In den letzten Tagen ist er diesem Thema immer ausgewichen, wenn wir ihn darauf angesprochen haben. Nie hat er uns alle zusammengerufen und mal ein klares Wort gesprochen „Barkol fällt aus, wir fahren direkt ins Camp nach Wei Zi Xia und bleiben dort 2 Nächte. Und danach geht das Programm so weiter wie es nach Barkol laufen soll.“ Dazu war Herr Sechs leider nicht in der Lage. Immer lies er nur in kleinen Kreisen irgendwelche Teilinformation durchsickern. Aber Rede und Antwort stand er nie.

Nun gut. Unsere Reisegruppe ist eine tolle Gruppe und wir lassen uns von einer grausamen deutsch-österreichischen Organisation nicht aus der Fassung bringen. Uns geht es um die SoFi, die wollen wir erleben. Und alles andere ertragen wir mit Humor und einem chinesischen Lächeln.

Wir fahren also nicht nach Barkol, um dort 2 Nächte zu bleiben und von dort aus in der Wüste die Sonnenfinsternis zu erleben. Die Chinesen waren wohl etwas nervös geworden. Denn wir befinden uns ja in der Unruheprovinz Xinjiang. Und Xinjiang hat dieselben Unabhängigkeitsbestrebungen wie Tibet. Der Unterschied besteht nur darin, dass Xinjiang bzw. die Uiguren keinen so charismatischen Führer wie den Dalai Lama haben. Deswegen steht für uns Europäer Xinjiang auch nicht so im öffentlichen Interesse wie Tibet.

Im Zusammenhang mit der Olympiade, die ja kurz nach unserer Reise in Beijing beginnen soll, kam es wenige Wochen vor Reiseantritt zu terroristischen Übergriffen in Xinjiang. Deshalb wollen die chinesischen Behörden auch möglichst alle Gäste der SoFi zusammenführen, um so einen optimalen „Schutz“ zu gewährleisten. Es wurde also vom Militär im Oasendörfchen Wei Zi Xia ein Zeltlager für 600 Gäste aus der ganzen Welt aus dem Boden gestampft. Wei Zi Xia liegt auf einer Hochebene auf 1.100 m in einem Ausläufer der Wüste Gobi ca. 40 km entfernt von der Grenze zur Mongolei und ist militärisches Sperrgebiet. Hier kann uns das Militär optimal „betreuen“.

Und all diese Informationen bekommen wir nur häppchenweise von unseren Reiseunternehmen in Deutschland und Österreich und von unserem Reiseleiter Herrn Sechs präsentiert.

Aber jetzt machen wir uns erst einmal auf dem Weg nach Hami, unserer Zwischenstation auf dem Weg nach Wei Zi Xia. Hami liegt 420 km entfernt von Turfan, die Busfahrt wird gute sechs Stunden dauern. Für die Strecke zum Camp Wei Zi Xia sind 9 Stunden Busfahrt insgesamt veranschlagt. Wir werden allerdings knappe 13 Stunden benötigen, auch wieder eine Fehlplanung unserer Reiseplaner in Deutschland und Österreich.

Auf dieser Fahrt lernen wir uns alle im Bus auch besser kennen. Natürlich sind wir vom Beginn an beim „du“. Jetzt auf der langen Fahrt stellt sich heraus, dass wir so interessante Menschen wie Dirk Ewers mit in der Gruppe haben (www.astroewers.de). Dirk war im Frühjahr 2008 bekannt geworden für seine ausgezeichneten Videoaufnahmen, die er von der Erde aus durch sein Teleskop von der internationalen Raumstation ISS gemacht hatte. Unter anderem hatte das ZDF diese Aufnahmen gekauft und groß in der Nachrichtensendung „heute“ gebracht.

Auch Wolfgang Ott ist kein Unbekannter (www.eclipseart.de). Er stellt künstlerisch toll gestaltete T-Shirts mit Themen zur SoFi her.

Und dann sind da auch noch Otto, ein Richter aus Wien, Gaby von der Rezeption eines Heidelberger Hotels und Clara, Ärztin aus Innsbruck. Und weiter vorn im Bus sitzen Margret und Tony, ein Rentner-Ehepaar aus der Schweiz. Die anderen Mitreisenden mögen mir nicht böse sein, wenn ich sage, dass ich mit diesen sieben während der gesamten Tour am meisten Spaß habe.

Die Stimmung in der Gruppe ist also sehr gut. So wird uns die lange Fahrt nicht langweilig. Zwischendurch zieht sich jeder Mal auf seinem Sitz zurück, döst ein wenig vor sich her, und dann sitzen wir mal wieder zusammen und plaudern. Gerade bei uns im hinteren Teil des Busses ist die Stimmung ausgezeichnet. Dirk, Clara, Otto, Wolfgang und ich haben immer wieder mal viel Spaß miteinander und lachen immer wieder gerne über die Details der Inkompetenz unseres Reiseleiters Herrn Sechs.

Der Weg führt uns weite Strecken durch die Taklamakan-Wüste. Die Straße ist gut ausgebaut. Teilweise geht es zig Kilometer einfach geradeaus.







Anfangs führt uns die Strecke auch durch den gebirgigen Teil der Taklamakan-Wüste.



Und immer wieder werden wir mal von zivilen Autos überholt, in denen 3 oder 4 Männer sitzen und einer von denen uns bzw. den fahrenden Bus heimlich fotografiert.

Gegen 15:00 Uhr erreichen wir Hami, eine Stadt mit 490.000 Einwohnern. Hier ist für alle durchfahrenden SoFi-Touristen in einem größeren Restaurant ein Mittagessen vorgesehen, das wir gerne zu uns nehmen. Einige suchen auch zum letzten Mal in der „Zivilisation“ eine Toilette auf, kommen aber ziemlich ernüchtert wieder zurück, weil die hygienischen Zustände bei dieser Art der chinesischen Toilette und dem massenhaften Durchlauf von SoFi-Touristen schnell zu wünschen übrig lassen.

Gegen 16:50 Uhr fahren wir weiter. Unsere Strecke führt uns über Yiwu durch das Karlik Gebirge nach Wei Zi Xia. Bis nach Yiwu beträgt die Fahrtzeit ca. 2 Stunden. Die Fahrt ist atemberaubend schön. Ich zitiere aus meiner Tonaufzeichnung, die ich während dieser Fahrt mache:

„Es ist eine Mondlandschaft mit kleineren Hügeln. Im Vordergrund dunkle Steine, wenige Steine, aber Sand. Im Hintergrund eine bizarre Gebirgskette. Dann dahinter aufbäumend ganz hohe Berge. Rechts mit 4.950 m einer der höchsten Berge dieses Gebirges. Eine bizarre Mond- oder vielleicht auch Marslandschaft.“



Im Gebirge selbst fahren wir plötzlich durch grüne Hochebenen mit kleinen Dörfern, in denen einfache Häuser und einige Jurten stehen, eine wunderschöne malerische Gegend. Schaf- und Kuhherden sind auf den Weiden. Bis auf 2.700 m über NN führt uns der Weg hoch.

Auf unserem Weg erzählt uns Herr Sechs auch, dass jeder von uns 300 Yuan oder umgerechnet € 30,- als Eintrittsgeld für das Camp noch bar zu zahlen hat. Wir machen ihn darauf aufmerksam, dass uns das vorab von unserem Vertragspartner A-Reisen bzw. XY-Reisen ebenfalls mitgeteilt wurde, allerdings mit der Bemerkung, die 300 Yuan seien in unserem Reisepreis inbegriffen und unsere Betreuer würden das Eintrittsgeld für das Camp für uns entrichten. Herr Sechs entgegnet darauf ziemlich barsch, das könne nicht sein und entweder zahlen wir jetzt und holen uns das Geld zu Hause wieder oder wir kommen nicht ins Camp rein. Er bezahle nicht für uns, das sei nicht seine Aufgabe und dafür sei er auch nicht da. Und der Rest sei ihm egal. Uns bleibt also nichts anderes übrig als diesem erpresserischem Gehabe von Herrn Sechs nachzukommen und ihm je 300 Yuan auszuhändigen.



In einem dieser kleinen Dörfchen machen wir auch eine kurze Pause, vertreten uns die Beine und suchen auch die örtlichen Toiletten auf. Das muss man sich vorstellen als öffentliche Toilette für das ganze Dorf. Man kommt also in einem Gebäude auf eine etwas erhöhte Ebene. Das ist ein großer Raum und in 1-Meter-Abständen sind ca. 20 cm breite und 1 m lange Schlitze im Boden, ca. 15 an der Zahl. Unter dem Boden ist alles offen zur Natur und eine tolle „Architektur“ tut sich dort so in 2 m Tiefe auf. Über einen solchen Schlitz zieht man sich die Hose runter, hockt sich hin, ohne sich irgendwo festhalten zu können, und erledigt sein Geschäft. Ich schaue mir das also an und sage mir, mein Geschäft, das ich auch im Stehen erledigen kann, dafür brauche ich eigentlich nur eine Hauswand. Gesagt – getan. Aber andere hatten doch ein „größeres“ Anliegen. Ich habe hierzu mal ein paar Interviews geführt.

Zuerst Otto, Clara und Gaby: Toiletten auf dem Weg nach Wei Zi Xia 1.mp3 [479 KB]

Und jetzt noch Martan: Toiletten auf dem Weg nach Wei Zi Xia 2.mp3 [342 KB]

Hier in diesem Dorf kommen auch Vertreter von Eclipse-City in den Bus. Eclipse-City ist r verantwortlich für ca. 80 Gäste, die wie ich bei Partneragenturen von Eclipse-City die Reise gebucht haben. Das erfahren wir hier auch so langsam Alles. Uns werden Campausweise und andere Unterlagen ausgehändigt, die wir bei den folgenden 3 militärischen Kontrollen benötigen.

Da ist zum einen das Eintritts-Ticket zum Camp

Eintrittsticket zum Camp - Vorderseite 



Eintrittsticket zum Camp - Rückseite 



Zum anderen gibt es auch unseren Camp-Ausweis.



Weiter erhalten wir von Herrn Sechs Informationen zum Campaufenthalt. Und hier verplappert er sich. Denn jeder von uns hat auch mit seinen Unterlagen eine Nummer erhalten. Das solle die Zeltnummer sein, für mich Zelt Nr. 171. Als wir Herrn Sechs darauf ansprechen, ob wir Allein-Reisenden wie Otto, Gaby, Clara und ich denn auch ein Einzelzelt erhalten, wir haben ja immerhin Einzelunterbringung gebucht, meint Herr Sechs, das könne er jetzt nicht sagen. Wir weisen ihn auf seine Liste mit den Nummern und den Zeltverteilungen hin, daraus sei das doch ersichtlich „Nein, nein, das sagt diese Liste überhaupt nicht aus.“ hält Herr Sechs barsch dagegen „Nun geht es erst einmal ins Camp und alles Weitere wird sich dort ergeben“. Später im Zeltlager wird sich dann herausstellen, dass Herr Sechs wider besseren Wissen uns einfach vor vollendete Tatsachen gestellt hat.

Schon in der kurzen Mail mit den „Reiseänderungen“ kurz vor Reiseantritt stand ein Hinweis, dass Wasser nicht mit in das Camp gebracht werden darf. Auch das diskutieren wir natürlich heiß. Wir sind in der Wüste und dürfen kein Wasser mitnehmen? Hierzu weiß Herr Sechs ebenfalls keine Antwort. Vorsorglich, meint er, sollen wir keine Wasserflaschen über die Kontrollpunkte mitführen. Natürlich setzen wir uns darüber weg. Mitten in der Wüste – und kein Wasser mitnehmen dürfen. Das scheint wohl der größte Quatsch überhaupt zu sein. Also verstecken wir unsere Flaschen unter den Sitzen. Bei den Kontrollen stellt sich dann auch heraus, dass das Militär überhaupt kein Interesse an unseren Getränken hat. Wieder mal zeigt sich die Inkompetenz der deutsch-österreichischen Organisation.

Drei Polizei- und militärische Kontrollen passieren wir insgesamt. Das gesamte Areal ist weitläufig abgesperrt. Auch die Chinesen kommen nur mit Sondergenehmigung hier hin. Das Militär unternimmt größte Anstrengungen, uns den Aufenthalt so sicher wie nur eben möglich zu gestalten. Zwischendurch kommen auch örtliche Vertreter aus der Camp-Organisation zu uns in den Bus, nehmen das Geld entgegen und händigen uns verschiedene Unterlagen für das Camp aus.

Bei der ersten Kontrolle um 19:00 Uhr wird nur die Liste der Reisenden eingesehen. Um 19:10 passieren wir dann die eigentliche militärische Personenkontrolle, die auch sehr intensiv ist. Wir müssen alle aus dem Bus raus mit unserem gesamten Gepäck. Jedes einzelne Stück wird vom Militär durchsucht.

Bild: Dirk Ewers 



Aber die Chinesen sind dabei ausgesprochen freundlich und zuvorkommend. Nie spielen sie sich als „Herren“ auf, immer zeigen sie ein Lächeln. Und so überstehen auch wir diese Kontrollen mit einem Lächeln.

Diese Kontrolle findet übrigens bereits 100 km vor dem Camp statt. Und wir befinden uns auf einer Höhe von 2.700 m. Und erst eine Stunde später passieren wir YiWu.

Ausklang in Turfan
Im Camp