Entstehung
Beobachtung
Aller Anfang ist schwer

Aller Anfang ist Schwer

"Wir haben es heute hier richtig kalt", meint unser chinesischer Führer Martan. "Es sind nur 33 °C. Sonst werden hier im Sommer bis zu 50 °C erreicht."

Wir befinden uns in Turfan, einer Oasenstadt in der Taklamakan-Wüste an der nördlichen Route der Seidenstraße in der chinesischen Provinz Xinjiang. Wir, das ist eine Gruppe von 20 Sonnenfinsternis-Jägern, die sich von Deutschland, Österreich und der Schweiz aus auf den Weg gemacht haben, um hier im Nordwesten Chinas eine Sonnenfinsternis zu beobachten.

Meine Reise beginnt eigentlich am 27.07.2008. Gegen 11:00 Uhr vormittags starten wir in Schwedt. Meine Frau und mein Sohn bringen mich zum Flughafen Berlin/Tegel, den wir nach eineinhalbstündiger Autofahrt erreichen. Hier heißt es dann Abschied nehmen und ich mache mich allein auf den Weg nach China. Air Berlin bringt mich mit dem Flug AB 6443 (14:05 - 15:15 Uhr) nach Düsseldorf und von hier geht es non Stopp mit dem Air Berlin Flug AB 1682 nach Peking. Etwas verspätet um 18:25 Uhr deutscher Zeit hebt die Maschine ab.

Während des ca. 10-stündigen Fluges habe ich genügend Gelegenheit, die Unterschiede zwischen der deutschen und der chinesischen Kultur zu diskutieren. Denn meine Sitznachbarin ist eine etwa 35 Jahre alte Chinesin mit deutschem Pass, die seit 10 Jahren in Deutschland lebt, hier studiert und auch geheiratet hat. Und wie es so richtig treffend für meine Reise nach China ist, hat diese junge Dame einen wunderschönen Vornamen: Weixing. Und das heißt auf deutsch „Kleiner Stern“.

Um 9:40 Uhr chinesischer Zeit (3:40 Uhr MESZ) landen wir schließlich in Peking. Im wunderschönen Mandarin heißt mich Kleiner Stern herzlich

Herzlich Willkommen in Peking [39 KB]

Die chinesische Hauptstadt ist nur eine Zwischenstation. Bevor es zur Reise nach Urumqi, der Hauptstadt der Provinz Xinjiang, weitergeht, soll ich hier im Flughafen von Peking von meinem Reiseleiter herzlich willkommen geheißen werden und mit meiner Reisegruppe erstmalig zusammen kommen. Aber hier geht das Drama einer deutsch-österreichischen Gemeinschaftsorganisation los und wird mich noch Wochen nach Abschluss meiner Reise beschäftigen. So heißt es in meinen Reiseunterlagen „Sie werden bei Ankunft in Beijing ‚eingesammelt’; bitte achten Sie auf ein Schild mit der Aufschrift ‚XY-Reisen’“.

Also, von XY-Reisen ist natürlich nichts zu sehen. Und nun stehe ich mitten im Terminal 2 des Flughafens von Peking, kenne nur meine Flugnummer des Anschlussfluges nach Urumqi und die Abflugzeit, habe aber keinerlei Buchungsbestätigung etc. über meine weitere Reise. Ich sollte ja eingesammelt werden, weiß keine Fluggesellschaft, nichts.

Aber ich habe ja Glück im Unglück. Auch für Kleiner Stern ist Peking nur Zwischenstation. Sie ist auf dem Weg nach Yinchuan zu ihren Eltern, die sie einmal im Jahr besucht. Zum Glück ist ihr Anschlussflug deutlich später als meiner. Und weil wir so nett die Zeit im Flugzeug miteinander verbracht haben, so bleiben wir auch hier im Terminal 2 zusammen. Kleiner Stern und ich wandern also mehr als eine Stunde in der Empfangshalle auf und ab, sprechen diesen und jenen an, aber entdecken niemanden von XY-Reisen. Schließlich schauen wir in meine Reiseunterlagen. Es gibt zwar nirgends eine Telefon-Nummer für den „Notfall“, aber ganz versteckt entdecken wir eine Telefonnummer einer chinesischen Partnerreisegesellschaft, die Kleiner Stern sofort anruft.

Was bin ich froh, dass Kleiner Stern mir hilft. Ich weiß nicht, ob ich in englisch überhaupt eine Auskunft bei dieser Reisegesellschaft, nennen wir sie mal C-Travel, bekommen hätte. Aber Kleiner Stern fragt sich in chinesisch durch und hat schließlich auch eine Person an der Leitung, die meinen Reisevorgang kennt. Endlich stellt sich heraus, dass mein Anschlussflug bei der China Southern gebucht ist und ich ein elektronisches Ticket, ein sogenanntes ETIX habe. Verstanden habe ich das alles zu diesem Zeitpunkt nicht, warum die C-Travel so gut über meinen Reisevorgang informiert ist. Aber es ist mir auch egal.

Wir begeben uns zum Schalter der China Southern, ich lege meinen Reisepass vor, ja, hurra, ich bin im Computer und soll ca. 2 Stunden vor Abflug wiederkommen und einchecken. Kleiner Stern fragt mich, was ich denn mache, wenn ich bis dahin meine Reisegruppe nicht getroffen habe. Ich sage ihr, das wird schon irgendwie klappen. Wenn ich sie am Gate zum Flug nach Urumqi nicht treffe und ebenso auch nicht in Urumqi im Flughafen, dann nehme ich mir eben ein Taxi und fahre zum Hotel in Urumqi. Wenigstens den Namen des Hotels hat mir das Unternehmen, bei dem ich die Reise gebucht habe, nennen wir es mal A-Reisen (A, weil sie sich für die Besten in Deutschland halten, was SoFi-Reisen angeht) mitgeteilt. Und von dort wird sich alles Weitere regeln.

Nach Abschluss der Reise, zu Hause in Deutschland, habe ich mich natürlich an A-Reisen gewandt. Zu meiner großen Überraschung sagte A-Reisen, dass sie eine österreichische Reiseagentur, eben jene XY-Reisen, mit der Reiseleitung beauftragt habe. Das war mir zu Beginn der Reise nicht bekannt. XY-Reisen hatte also den Reiseleiter gestellt, den ich mal Herrn Sechs nenne. Und Herr Sechs, wieso auch immer, hatte mich nicht um 9:30 Uhr im Terminal 2, sondern um 11:20 im Terminal 3 erwartet. Herr Sechs war auch scheinbar nicht in der Lage, mal auf irgendwelche elektronischen Anzeigetafeln zu schauen, ob denn überhaupt um 11:20 Uhr im Terminal 3 ein Air Berlin Flug erwartet wird. Also, die Qualitäten des Herrn Sechs werden mich über die gesamte Reise noch weiter in Atem halten.

Trotz aller Strapazen sind Kleiner Stern und ich gut gelaunt. Nachdem wir alles für mich geklärt haben, haben wir jetzt noch einige Stunden Zeit, bis ich nach Urumqi einchecken muss. Wir entdecken ein gemütliches Teehaus und entschließen uns, dass wir es uns bei einer chinesischen Teezeremonie erst einmal richtig gut gehen lassen. Für etwa € 43,- ist das sicherlich der teuerste Tee, den ich jemals genossen habe. Aber er ist es auch wert.



Zum ersten Mal tauche ich tief in die chinesische Kultur ein. Eine junge Frau in traditionell chinesischem Gewand beherrscht die Zeremonie perfekt. Jede Bewegung ist genau einstudiert, Abnehmen des Deckels von der Teekanne, Öffnen des Behälters mit den Teeblättern, Teeblätter in die Teekanne geben, Schließen des Behälters, Wasser in die Teekanne hinzugießen, Deckel auf die Teekanne setzen, Tee einschenken. Und immer wieder tupft sie ihre Finger am perfekt zusammengefalteten Handtuch am Kopf des Tisches ab.

Kleiner Stern und ich verbringen so angenehme 2 Stunden und lassen uns immer wieder Tee nachschenken. Gegen 13:00 Uhr verabschiede ich mich dann von ihr und begebe mich zum Schalter der China Southern. Zügig checke ich in die Maschine ein und gehe durch die Kontrollen zum Gate 24. Neugierig schaue ich hier durch die Runde, ob ich irgendwelche Europäer entdecke. Sie sind ja unter den vielen Chinesen leicht zu erkennen. SoFi-Reisende sind meist noch einfacher zu erkennen. Sie haben alle diesen verklärten freundlichen Blick in Erwartung eines einmaligen Ereignisses. Und ihr Handgepäck ist wegen der Fotoausrüstung meist sehr sperrig. Die ersten, die ich allerdings anspreche, ob sie zur SoFi fahren, gucken mich erstaunt an „Nein, wir sind auf Geschäftsreise“. Aber dann finde ich doch den einen oder anderen aus meiner Gruppe.

Es überrascht mich ein wenig, auch hier ist der Reiseleiter nicht zu sehen, keiner weiß genau, wer denn nun zur Gruppe gehört. Zehn SoFi-Enthusiasten sind bereits ein paar Tage in Peking und haben hier ihr erstes touristisches Programm absolviert. Und neun weitere SoFi-Verrückte einschließlich unseres Reiseleiters sollen heute anreisen. Aber nirgendwo entdecke ich eine zusammengehörende Gruppe oder etwas, das wie ein Reiseleiter aussieht.

Reiseleiter solcher Reisen sind einfach zu erkennen. Man muss nur nach einem typischen Alt-68er Ausschau halten, wirres graues Haar, braun gebrannt, Brille, die den intellektuellen Touch gibt, Jeans. Das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Reiseleiter.

Und genauso taucht er dann auf. Unser Flug ist bereits aufgerufen, wir stehen in der Schlange und von hinten schiebt sich ein Mann an uns vorbei, auf den genau die obige Beschreibung passt. Er fragt herum, wer denn zu seiner Reisegruppe gehört, gibt jedem kurz die Hand „ … und alles Weitere dann in Urumqi“. Klasse, das ist also unser Reiseleiter Herr Sechs, stößt als Vorletzter zur Reisegruppe hinzu, hat keine Zeit mehr, uns mal kurz zusammenzurufen und alle gemeinsam zu begrüßen. Wir wissen immer noch nicht genau, wer denn nun zu unserer Gruppe gehört.

Beobachtung
Und immer noch auf der Anreise